Ein Traum von John

juergen_bohl

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Taumelland hört zu:

„Von Las Vegas flog ich nach New York. Ein junger Amerikaner überließ mir seinen Fensterplatz:
Er hätte die Staaten schon oft von oben gesehen. Er hörte eine seiner Lieblingskassetten im Walkmann:  The Alan Parson’s Project, Tales of Mystery and Imagination (E. A. Poe). Wahrscheinlich Zufall: Seit 30 Jahren bin ich Poe-Fan. Die Platte hab ich auch; er hatte die überarbeitete, stellenweise noch schönere Fassung und ich durfte mir einige Passagen anhören. So jedenfalls kamen wir ins Gespräch. Er schien sportlich, zeigte mir Bilder vom Wochenende. Er hatte herrliche Tage mit Freunden irgendwo in den Rockies an einem einsamen See verbracht. Ich sah ihn Wasser-Ski fahren.

Später schickte er mir eine deutsche Version des „Book of Mormon“. Eine Passage auf Seite 500 war angestrichen:

„Siehe, ich möchte euch auffordern, wenn ihr dieses hier lesen werdet – sofern es nach Gottes Weisheit ist, daß ihr es lest – , daß ihr daran denkt, wie barmherzig der Herr zu den Menschenkindern gewesen ist, von der Erschaffung Adams an bis herab zu der Zeit, da ihr dieses hier empfangen werdet, und daß ihr im Herzen darüber nachdenkt…
Und durch die Macht des Heiligen Geistes könnt ihr von allem wissen, ob es wahr ist“.

Auf dem Kennedy-Airport paßte er auf mein Gepäck auf, während ich Geld holen ging. Wir nahmen zusammen ein Taxi nach Manhattan. Der Fahrer kam aus Indien: Viele Leute in Manhattan seien verrückt, meinte er. …

Hier in New York war John Lennon erschossen worden.
Lange vor dieser Reise – möglicherweise wieder so ein Zufall – hatte ich ein kleines Gedicht notiert:

Ein Traum von John

Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig
(2. Korinther 12,9)

Auf offener Straße von einem Irren erschossen

Man schreibt dem verwendeten Kaliber
eine erhebliche Stopwirkung zu

 

„Nothing to kill or die for “

Am Ende des Weges wahnwitzige Gewalt statt

„A Brotherhood of man“

Das Projektil  —  aus nächster Nähe abgefeuert  —
verlor rasch an Energie
im Weichgewebe und im Knochen

 

Wer war wohl der Träumer  ?
Ist seine Kraft auch in den Irren mächtig  ?

Wir stellen uns vor
nun erst recht
daß über uns nur der Himmel
und keine Hölle für den Mörder
und alle Menschen leben nur im JETZT
befreit von Religion
offen und weit
nichts Heiliges gesondert.

 

Ein Pfahl ist uns ins Fleisch gegeben
nämlich der Engel des Satans

Wir wissen, daß wir Träumer sind  —
schutzlos dem Wahnsinn preisgegeben;
aber wir sind nicht allein  !
Eines Tages
jetzt
da wir schwach sind
sind wir stark.
Die Hoffnung
John’s Traum werde unser
ist nicht zu begreifen
ein Zauber.

 

Manchmal werden Rosen abgelegt, dort
wo ein Träumer
John Lennon erschoß.“

Text und Gedicht: Dr. Jürgen Bohl

Comment (1)

  1. […] Ich wandte mich mit diesen Fragen an meinen Vater der sich Zeit seines Lebens als Neuropathologe und auch darüber hinaus mit dem menschlichen Gehirn und dem menschlichen Geist beschäftigt hat. Im Folgenden könnt ihr seine Antwort auf meine Fragen lesen. Es ist sein zweiter Beitrag auf Taumelland den Ersten findet Ihr hier: Ein Traum von John […]

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