St. Mauritius: Brutalismus in Wiesbaden

St. Mauritius Brutalismus in Wiesbaden
St Mauritius Kirchenschiff
St.Mauritius Glockenturm (Beitragsbild) und Kirchenschiff. Architekten Martin Braunstorfinger, Jürgen Jüchser und Peter Ressel; künstlerische Ausgestaltung Otto-Herbert Hajek und Hans Georg Schleifer; 1959/60 und 1967/68

Normalerweise beschäftigt sich taumelland nicht explizit mit Architektur, obwohl Architektur durchaus als  „Erinnerungshort“ gelten kann. So wie das mittelalterliche Quedlinburg, bei dem die Stadt quasi selbst zum Museum geworden ist. Auch Wiesbaden hatte sich mal auf Grund seiner historistischen Bausubstanz (Historismus) um den Titel UNESCO Weltkulturerbe beworben (was allerdings scheiterte).
Aber das interessiert uns im Moment nicht, sondern wir werfen einen Blick auf die im „Komponistenviertel“ gelegene Wiesbadener St. Mauritius Kirche.  Die ist nämlich ein Kleinod des sogenannten Brutalismus, einem heute eher sagen wir mal „umstrittenen“ internationalen Architekturstils ( circa 1950 – 1980), den ich sehr mag.

St. Mauritius Innenraum, Relief an der Altarwand
St. Mauritius Innenraum, Relief an der Altarwand

Der Name „Brutalismus“  ist aus dem französischen béton brut (roher Beton, brut meint auch ehrlich) abgeleitet worden. Es sind Gebäude die, anderes als heute üblich, nicht mit aufwendigen Fassaden verkleidet werden, sondern ihren baulichen Charakter unkaschiert (ehrlich) zeigen. Zur architektonischen Ausformung gehörten zum Brutalismus eine meist grobe Strukturierung der Gebäude, deren Gliederung sich aus einfachen geometrischer Grundformen zusammensetzte. So haben die Gebäude gepaart mit dem als Baustoff verwendeten Schichtbeton mitunter eine etwas grobe um nicht zu sagen plumpe  Anmutung. Heute ist der Architekturstil meist negativ konnotiert. Viele der in die Jahre gekommenen brutalistischen Gebäude  – Beton als Baumaterial erwies sich als nicht so zeitbeständig wie erwartet  – sind entweder schon abgerissen worden oder von Abriss bedroht.
Das Frankfurter Architekturmuseum zeigte 2017 unter dem Titel „SOS – Rettet die Betonmonster“  eine Ausstellung zum Thema und mahnte, die noch bestehenden Gebäude zu erhalten. Auch in Frankfurt/Main wurde mit dem „Technischen Rathaus“  – das zugegeben keine Schönheit war –  ein Gebäude aus dieser Epoche abgerissen. An seine Stelle trat die heutige, meiner Meinung nach auch nicht gerade „großartige“ Architektur der Frankfurter Altstadt Simulation zwischen Dom und Römer. In Wiesbaden werden demnächst die Gebäude der „Dr. Horst Schmidt-Kliniken“ niedergelegt werden. Ein Gebäude Komplex der durch seine Betonfassade und die teilweise ineinander verschachtelte vieleckige Gebäudegliederung zentrale Stilelemente des Brutalismus aufweist.

St. Mauritius, Altarraum

Zum Glück steht die St. Mauritius Kirche unter Denkmalschutz, und so wird ihr dieses Schicksal wohl erspart bleiben. Von der dem Brutalismus nachgesagten „Grobschlächtigkeit“ merkt man bei dem sakralen Bau recht wenig. Der für den Bau verwendete Beton – Dyckerhoff Weiss – stammt von dem gleichnamigen in Wiesbaden ansässigen Baustoff- und Zementhersteller. Durch den Entzug von Eisenoxyd mutet die Farbwirkung des Betons weiß und nicht grau an. Dyckerhoff hatte dieses Verfahren 1931 entwickelt. Der verwendete „weiße“ Beton ist im Sinne des Brutalismus ein wesentliches Stilmerkmal der Kirche.

Selbst das Tabernakel ist aus weißem Schichtbeton
St. Mauritius: Selbst das Tabernakel ist aus weißem Schichtbeton

Auch die anderen Strukturelemente des Brutalismus kann man gut nachvollziehen. So die Verwendung geometrischer Formen bei der Gestaltung der Rückwand des Altarraumes. Das Beton-Relief bildet im Rahmen eines Quadrates in seinem Mittelpunkt das Symbol des Kreuzes. Besonders fasziniert hat mich die konsequente Ausgestaltung des Innenraums mit Beton. Der Altar, das Lesepult, die Sitzbänke, die Kerzenhalter, die Sitze im Altarraum und sogar das Tabernakel (Aufbewahrungsort des Allerheiligsten): alles ist aus weißem Schichtbeton. Insgesamt machte der Kircheninnenraum einen sehr vergeistigten Eindruck auf mich. In der künstlerischen Ausgestaltung wurde hier nicht von Vorhandenem (Materiellen) aus abstrahiert, sondern eher umgekehrt Geistiges materialisiert. Darauf verweist auch die Einzige bei der Raumgestaltung zur Anwendung kommende Farbe, nämlich Gelb. Ich vermute, sie bedeutet  zum einen die Schöpfung selbst („Es werde Licht!“ ) und zum anderen Jesus Christus („Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12)). Für eine katholische Kirche ist St. Mauritius von einer erhabenen Schlichtheit, die St. Mauritius zu einem sehr liebenswerten „Betonmonster“ macht.

St. Mauritius: Plastiken und gelbe Farbakzente

St Mauritius ist übrigens auch der Stadtheilige von Wiesbaden.

Bedanken möchte ich mich bei der katholischen Gemeinde St. Bonifatius, die es mir völlig unbürokratisch ermöglicht hat, die St. Mauritius Kirche zu fotografieren. Vielen Dank dafür!

sosbrutalism.org
Erste Anlaufstelle für Alle die mehr über den Brutalismus erfahren wollen. Im Verzeichnis befinden ich mittlerweile mehr als 2104 Gebäude die dem Brutalismus zugeordnet werden. Sehr nützlich auch die Karte die das Auffinden und den Besuch von einzelnen Gebäuden stark vereinfacht.  

St. Mauritius (wikipedia)
St. Mauritius (Gemeinde)

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