Sascha Büttner: Texte zur Fotografie

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Essays zwischen Psyche und Weltbegegnung

Meine erste Buchkritik auf Taumelland. Mein lieber Freund Sascha hat mich gebeten eine Kritik zu seinem Buch „Texte zur Fotografie“ zu verfassen, dem komme ich sehr gerne nach:

Büttner, Sascha (2025)
Texte zur Fotografie
BoD
ISBN 978-3-6951-9548-0

Taunusanlage#1, Frankfurt/Main, Maerz 2026
Taunusanlage#1, Frankfurt/Main, März 2026

Beginnen möchte ich mit einer kleinen Vorbemerkung:

Bei der Lektüre von „Texte zur Fotografie“ kam mir ein Aufsatz von Luigi Ghirri in den Sinn:
 „ The Open Work“1, den der einflussreiche italienische Fotograf  1984 geschrieben hatte.

Er beginnt den Aufsatz damit, dass er in seiner Jugend, als er zum ersten Mal mit Fotografie in Berührung kam, genau zwei Bücher mit Fotos hatte – seine beiden Bibeln, wie er schreibt.
Das eine zeigte seine Familie, das andere war ein reich bebilderter Atlas, der Fotos aus allen Kontinenten zeigte.  Diese beiden Bücher, so Ghirri, erklärten Ihm die Dualität der Welt, und zwar so, dass er sie als Kind gut verstehen konnte. Innen und außen, Auf der einen Seite:
Sein „zu Hause“ und seine (Familien)Geschichte; die Orte und Plätze und die Geschichte der Welt auf der anderen Seite. „One book for staying and one for going“- wie Ghirri es formuliert hat.
Dieser Satz hat mir immer gefallen, machte er mir doch deutlich (wenn auch im Zitat etwas anders gemeint), dass Fotografie in ihren schönsten Momenten immer auch ein Abenteuer ist  und du als Fotograf*in,  in die Welt hinausziehen und sie gleichzeitig zu dir herein lassen musst.
Sascha schreibt in „Texte zur Fotografie“  insbesondere über die (inneren)  geistigen Voraussetzungen die zum Fotografieren gehören. Was passiert eigentlich, wenn wir zur Kamera greifen? Warum eigentlich fotografieren und wenn dann wie fotografieren? Das sind die Fragestellungen, denen Sascha in seinem Buch nachgeht. Die besondere Stärke von Saschas  Texten liegt für mich darin, dass Sascha beim Ausloten seiner Fragestellungen stets bei sich selbst ansetzt, also ein selbstreflexives Vorgehen gewählt hat. Der Erkenntnisgewinn folgt bei ihm  einem zirkulären Prozess, bei dem Theoriebildung und Erfahrungen parallel stattfinden und sich gegenseitig beeinflussen. Mich hat diese Vorgehensweise an die Methoden der “Grounded Theorie“ in der Soziologie erinnert, bei der im Kern die Theorie aus der Empirie gebildet werden soll und nicht eine bereits vorgefertigte Theorie „nur noch“ empirisch überprüft wird.
Der japanische Fotograf Daido Moriyama  antwortet mal auf die Frage, was er den Einsteigern*innen in die Schnappschussfotografie raten würde?

“Well the first thing I always tell anyone who asks me for advice is: Get outside. It`s all about getting out and walking. That’s the first thing. The second thing is, forget everything you’ve learned on the subject of photography for the moment, and just shoot. Take photographs – of anything and everything, whatever catches your eye. Don‘t pause to think”2

Ich deute das Zitat dahingehend, dass eine Fotografie auch als ein surrealistisches „Objet trouvé“  verstanden werden kann. Diesen Gedanken nahm ich als  Kompass zum Lesen von „Texte zur Fotografie“  von Sascha Büttner.

Saschas fast 400 Seiten dicker Wälzer  (davor hatte ich Respekt) ist eigentlich keine Monographie im klassischen Sinne. So gibt es weder ein Inhaltsverzeichnis noch ein Personen -oder Sachregister, welches einem zur Orientierung beim Lesen dienen könnte.  Stattdessen ist es eine Sammlung von Essays, in denen Sascha sich der Fotografie, ihren Praktiken, ihren Deutungen und Bedeutungen auf immer neue Weise nähert. Das kann sehr feinsinnig sein, wie bei der Übertragung von Wim Wenders Polaroid Fotografien in Haiku Gedichte. Sehr grundsätzlich werden wie im Aufsatz „Fotografie als Welterklärung“ und in „Die innere Landschaft der Fotografie“  in der Sascha zu den (Un-)Möglichkeiten einer „Fotografie der Befreiung“ in der  postmodernen Gesellschaft schreibt.  
Manche Aufsätze sind lustig und haben den Schalk im Nacken, so etwa in „Ordnungssysteme für Bilder“ in dem einem ein bunter Strauß an Kriterien zum Katalogisieren von Fotos  vorgeschlagen wird. Das war etwas, was mir bei der Lektüre des Buches insgesamt sehr gut gefallen hat, Sascha zeigt in seinem Buch durchaus Humor und auch innere Gelassenheit, derer es beim Schreiben über einen so komplexen Sachverhalt wie „Die Fotografie“ auch bedarf.
Sascha geht es um den emanzipatorischen Moment in der Fotografie, darum zu zeigen  was Fotografie sein kann. Dabei plädiert er  für einen befreienden, zwanglosen Umgang mit Fotografien und dem eigenen Fotografieren. „Texte zur Fotografie“ kann und sollte auch als eine Ermutigung zur Selbstermächtigung gelesen und verstanden werden. Es ist ein ungewöhnliches Sachbuch im besten Sinne der Aufklärung.
„Texte zur Fotografie“ ist wie der oben erwähnte Atlas Ghirris, nur dass man bei Saschas Buch nicht von Bild zu Bild, sondern von Text zu Text reisen kann, eine Weltbegegnung in Kapiteln 😉. Meine Empfehlung ist, das Buch nicht von vorne bis hinten zu lesen, sondern eher darin herumzublättern und sich die Essays herauszupicken, die einen ansprechen beziehungsweise interessieren.
Ich verspreche euch: die Auseinandersetzung ist  lohnend! 😊 Ich kann euch das Buch nur wärmstens ans Herz legen.
Schließen möchte ich diese Kritik mit einem weiteren Zitat von Luigi Ghirri:

“Beyond all critical and intellectual explanations, beyond all negative aspects it might posses, photography is, I think, a formidable visual language for fostering this desire for the infinite that inhabits each of us. As I said before, it is a great adventure in  the world of thinking and looking … )”1

Und in diesem Sinne ist Fotografie viel zu wichtig um sie den Shareholdern, den Algorithmen oder gar dem Konsum zu überlassen.

1Luigi Ghirri, The Complete Essays 1973-1991, MACK 2021, ISBN 9781910164143

2Daido Moriyama/Takeshi Nakamoto, How I take Photographs, Laurence King 2018,
ISBN 9781786274243


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Taunsanlage#2, Frankfurt/Main, März 2026
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