Das Geheimnis des Weinfestes

Weinfest Wiesbaden 2017 morning after #1
das geheimnis des weinfestes

Jetzt hast du mich ja gleich erwischt…das Geheimnis des Weinfest ist…? Was könnt ich damit gemeint haben? Seit den frühen Neunzigern besuche ich das Weinfest, seit 25 Jahren vielleicht. Das Weinfest ist ein Kontinuum.

Dionysios

Ich arbeite seit Jahr und Tag, also vorerst mehr gedanklich als real, an einem Gesellschaftsroman der in Wiesbaden angesiedelt ist. Der Roman, das ist klar soweit, wird mit einem Weinfest beginnen und mit einem Weinfest enden.
Für mich ist das Weinfest diese Marktkirche vor einem strahlenden, tiefblauen Sommerhimmel. Oder wenn die Abendsonne die Ziegel dieses Nassauer Doms zum Glühen bringt. Und unten das unaufhörliche Gläserklirren. Das ist das Wiesbadener Weinfest! 
Man steht da in der Menge und ist schon ganz beschickert von den vielen Rieslingen, die man intus hat – und ich habe dann immer die Vision, eigentlich müsste Dionysios auf dem Weinfest erscheinen. Ja, in dem Roman müsste es eine Epiphanie von Dionysios auf dem Wiesbadener Weinfest geben, mit seinem ganzen Gefolge von Satyrn und Nymphen. Ich bin ja auch der festen Überzeugung, dass in den Streuobstbestände im Ländche zwischen Wiesbaden und Kloppenheim, also in „hessisch Arkadien“, der Mittagsgott erscheint.
Die Stunde des Pans in dieser flirrenden Mittagshitze. An diesen heißen Tagen im Juli oder August in den Wiesbadener Tropen.

Die Weintrinkkultur ist tatsächlich eine völlig andere als die Biertrinkkultur.
Ich habe die ganzen Jahre über so gut wie keine Aggressionen oder Schlägereien erlebt, bloß vielleicht mal ein paar grölende Jugendliche lange nach Schluss, wenn man zwischen den dunklen Ständen noch mit einer Flasche Wein sitzt. Das ist schon sehr bemerkenswert. Ich habe mal mit jemanden aus dem Osten gesprochen, der hat ganz erstaunt gefragt: „Aber das ist doch ein Volksfest! Warum prügelt sich hier niemand?!“ Weintrinken macht Menschen friedlich und kommunikativ.
Man redet viel und gerne und dann schweigt man irgendwann sinnierend.
So ist die Weinkultur.

Also im Ursprung bin ich kein Weinfestgeher, ich kenne aber Menschen, die sich noch an das erste Weinfest erinnern können. Das  war glaube ich 1976 und hat damals nur hier vor der Marktkirche stattgefunden.
Ich bin erst in meinen Zwanzigern dazu gekommen, das hing mit dem Weintrinken zusammen. Es ist das einzige Wiesbadener Fest, das ich frequentiere und von dem ich mal behaupten würde, man kann hier eben auch als ernsthaft erwachsener Mensch hingehen.
Ich habe das gerade wieder mit Besuch aus Berlin erlebt, diese irritierten Fragen: „ Ach gibt’s hier keinen „Hugo? Und wie, nicht mal Cola oder Gurkensaftcoctails?“ Nein! Das ist eben ein Weinfest und kein blöder Event.

Es gab ja einen erbitterten Streit vor zwei, drei Jahren, da haben einige Winzer einen Vorstoß versucht und angefragt ob sie nicht wenigstens „Hugo“, dieses modische Mischgetränk, verkaufen dürften. Mit der Begründung, man wolle so auch jungen Leuten etwas bieten. Also, ich sehe hier lauter junge Leute, die durchaus in der Lage sind richtigen Wein zu trinken. So etwas würde den Charakter des Weinfestes ruinieren. Die Stadt hat da auch nicht mitgespielt.
Es gibt hier nur Wein, Wasser und Traubensaft, da ist man ganz konsequent.
Natürlich gibt es das Phänomen der demonstrativen Biertrinker. In der Regel sind es junge bis mittelalte Männer. Ein Lokal hier schenkt ja tatsächlich Bier aus, und dann stolzieren sie demonstrativ Ihrem Bierglas durch die Menge. Da denkst du dann: „Mein Gott wie arm ist das denn?!“ Dieser seltsame Drang allen anderen mitzuteilen, dass man nicht einmal in der Lage ist, auch mal ein etwas dünneres Glas zivilisiert in der Hand zu halten, wo etwas ohne Schaum drinnen ist. Ach sollen sie doch bei ihrem germanisch vergoren Getreide bleiben, ich vermute, es sind sowieso Barbaren von jenseits des Taunuskamms.

Hermes

Wir Nassauer sind ja Nachfahren der Römer. In der Hochheimer Weingemarkungen, du weißt ja Hochheim, „das Tor zum Rheingau“ liegt witzigerweise am Main, aber das ist wieder eine andere Geschichte – da hat man tatsächlich ein römisches Winzermesser gefunden. Dort ist schon vor 2000 Jahren Wein angebaut worden. Ja, die Römer haben also die Reben hierher gebracht, der Weinanbau ist mittelmeerisch.
Ob das nun über die gesamte Phase des Frühmittelalters tatsächlich kontinuierlich war?  Ma munkelts nur. Also die Römer haben die Reben hierher gebracht. Die Kirche hat das dann fortgeführt. Die hat Wein gebraucht, für das Messopfer. Das ist nicht mit Met und auch nicht mit vergorenem Honigwein oder Bier zu machen. Genauso wie man dafür letztlich eine Art von Weißbrot braucht – die Hostie. Hochoffiziell wird’s dann wieder mit den Karolingern im 8. Jahrhundert mit den beurkundeten Weinbergschenkungen an Klöster. Wir sind hier sozusagen das äußerste Hinterland des Mittelmeeres. Der Süden kommt über den Rhein. Immer gradewegs durch den Oberrheingraben zur Burgundischen Pforte, und dann noch ein bisschen durch Südfrankreich und dann glitzert da schon die Méditerranée. Wein gab es hier in der Region auch schon vor den Römern. Wenn man jetzt mal Richtung Frankfurt guckt, zum keltischen Oppidum und der Fluchtburg auf dem Altkönig: Da saß der Kelte und hat Rhein-Main überblickt. Und was hat der Kelte gegessen und getrunken? Der hat Oliven gegessen und italienischen Wein getrunken ja! Insofern ist das Weinfest auch ein Ausdruck südländischer Kultur, da beharre ich drauf.
Nicht zufällig verläuft da oben durch den Taunus der Limes und dahinter kommt Dunkelhessen. Das merkt man bis heute, dass die Römer nicht dahin gekommen sind. Daran waren diese Hessen selbst schuld, also mit Arminius und so, aber wir hier sind sowieso Nassauer und keine Hessen, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Kronos

Viele ehemalige Wiesbadener kommen ja extra für das Weinfest zurück aus der weiten Welt in die Heimat. Das Fest ist so ein Ankerpunkt. Ich bekomme auch Besuch und dann trinken wir uns den letzten Rieslingjahrgang entlang. Das ist für mich auch immer so ein Reiz gewesen. Das ist was anderes als „ich gehe jetzt mal eine Wein trinken“. Auf dem Weinfest sind ja ausschließlich Rheingauer Winzerstände, immer am selben Platz übrigens, und Du hast ein Set von bestimmten Weingütern die Du kennst, dass verfolgst Du über die Jahre.
Und dann hört man vielleicht irgendwo „naja, das hat der Sohn übernommen, der hat Ambitionen“, dann geht man auch mal gezielt dahin. Das Weinfest ist nicht eines von diesen aseptischen Eventfesten, wo Du immer nur dasselbe industrielle Standardzeug kriegst, hier hast Du tatsächlich die Chance auf eine ganze Weinbauregion zu gucken: Wie ist da der Standard? Wohin entwickelt es sich? Wie wird der Jahrgang? Das fängt mit der berühmten Nr. 1 und Nr. 2 an. In der Regel sind das zwei QbAs – also Qualitätsweine, der trockne und der halbtrockene Riesling. Man kann so ein ganzes Weinfest bestreiten, indem man immer nur überall die eins und  zwei probiert. Es gibt nur wenige Weingüter, die das durchbrechen. Aber mal im Ernst, wer braucht hier schon einen Chardonnay oder sowas? Das ist Riesling country. Man kann sich auch, so  haben wir es früher oft gemacht, ein Trinkthema setzen: Da haben wir gesagt „heute ist es ein bisschen bedeckt, heute probieren wir Spätburgunder“. Und zum Schluss hat man immer den einen Weinfestwein herausgeschmeckt, den diesjährigen Favoriten.

Früher hat man hier nur aus Weinprobiergläsern getrunken, winzigen 0,1 Gläschen, zu den ganz harten Zeiten gab es Rentner, die haben das an einem Lederbändel um den Hals getragen. Aus heutiger Sicht unglaublich. Das ist vollkommen weg. Mittlerweile  gibt es hier keinen einzigen Stand mehr, der nicht aus einem richtigen Weinglas ausschenken würde. Das ist aber tatsächlich nicht nur so eine modische Geschichte, bei der man sagen könnte: „Die machen jetzt hier so auf vornehm“.
Die Weine haben sich auch verändert, die geben es mittlerweile her, dass man ein bisschen schwenkt und dran schnuppert. Auch wenn vieles, was auf dem Weinfest ausgeschenkt wird, echt Plörre ist, das muss man mal offen sagen, als Wein getarntes Zuckerwasser oder Weine aus dem letzten Jahr, die bereits ältlich schmecken. Früher wurden die milden Weine bevorzugt, heute will man trockene Weine haben, es gibt natürlich auch so was wie einen internationalen Weingeschmack, die Winzer müssen heute auch auf den Export gucken.
Die Rheingauer Weine sind vor allem nicht mehr so extrem säurehaltig.
Früher war das klassisch für den Rheingau – man nannte das einen Knochen – das war so ein Wein, da hat es dir im Mund alles zusammengezogen. Da würde man heut sagen: „Da kann man höchstens Salat mit anmachen.“ Diese ganz harten Säuerlinge wären heute unverkäuflich. Früher war das normal. Das war Wein aus kalten Sommern. Die Weine hatten auch einen viel geringeren Alkoholgehalt. Der wird zunehmend zum Problem. Früher war ein schöner Kabinett – das ist geradezu der Witz des Kabinetts – ein ganz leichter Wein, vielleicht nur mit 8 oder 9 Prozent. Ich habe hier in den letzten Jahren schon Kabinette getrunken, die hatten 13 Prozent. Grauenhaft!  Dann schmecken die nur noch nach Alkohol. Das sind die heißen Sommer. Es ist auch die Frage wie lange der Riesling das noch mitmacht – in Rheinhessen sind die französischen Rebsorten schon angekommen, aber braucht die Welt noch mehr Merlot und Cabernet?

Das Weinfest hat mittlerweile schon etwas mit Lifestyle zu tun, unverändert ist es nicht durch die Zeit gekommen. Auch die Stände selbst haben sich gewandelt. Diese Kultur der Plastikreben und bunten Glühbirnen ist verschwunden. Und neuerdings zeigen die besonders innovativen Winzer ihre Weinliste digital an. Ach wie toll. Auch die Flaschenetiketten haben sich massiv gewandelt. Also Klassiker waren mal Etiketten etwa mit einer Wildschein im Sprung drauf, aus der Lage Martinsthaler Wildsau, oder halt ein feister Mönch im Weinkeller. Alles vorbei. Wie die alte BRD. Heute heißt der moderne Riesling „My Way“ und sieht auch so aus.

Das sind jetzt die jungen Winzer mit Ihren Marketingkursen. Wobei es immer noch ein paar klassische Etiketten gibt. Gerade die richtig guten Weingütern, die haben oft noch ganz klassische Etiketten, oder nur leicht modernisierte. Auch immer wieder in der Diskussion: Die Staatweingüter. Die haben diesen stilisierten Wappenadler auf dem Etikett. Das war der preußische Wappenadler, weil es eine Staatdomäne war. Über die Jahre ist der Adler immer kleiner geworden. Bei der letzten hat man den Adler noch mal weiter in den Hintergrund gerückt. Ich fand die alten Etiketten unheimlich ästhetisch und schön. Oh ja, wirklich unheimlich, mit diesem Adler, da hat man zwei, dreimal hingeguckt und sich gefragt: „Ok aus welchem Jahrzehnt ist das denn jetzt genau?“ Eigentlich sah der Adler ein bisschen nach Neuer Sachlichkeit aus. Aber jetzt ist der er nunmehr klitzeklein und irgendwann wird er ganz verschwunden sein.
Aber solange das Weinfest ein reines Winzerfest bleibt, wird es das Weinfest bleiben. Es gibt zwei, drei Sonderstände, den Stand einer Partnerstadt, überraschend viele von denen bauen auch Wein an, selbst die Engländer, dann gibt es ein Raritätenkabinett, und den Stand vom Wiesbadener Kurier, da schenkt dann in Schichten die lokale Prominenz aus, ich kenn die meistens nicht einmal dem Namen nach, ein echtes Panoptikum.

Hera

Die Weinkultur ist immer im Wandel. Auch das übliche Muster des Weinkaufens hat sich total geändert. Früher kam der Winzer noch nach Hause und hat sein Sortiment vorgestellt und dann hat man Jahr um Jahr dort geordert. Letztlich egal wie das geschmeckt hat, man hatte eben seinen Winzer. Wie es auch mal bei der Tageszeitung war, die man früher praktisch von seinen Eltern geerbt hat. Heute sind die Weinkäufer viel sprunghafter geworden. Man kauft auch nicht mehr so viel zum Einlagern ein, oder geht gleich in den Supermarkt. Zumal in einer Region mit so vielen Weinanbaugebieten rundum eine echte Sünde.

Jetzt machen die ambitionierteren Winzer ja in Terroir. Der Wein wird entsprechend der landschaftlichen Gegebenheiten ausgebaut. Man sollte schmecken können auf welchem Boden er gewachsen ist. Also in der Theorie. Ist das Grauschiefer oder Quarzit? Beides können Rieslinge sein, beide können aus dem Jahrgang 2016 sein, beide können trocken sein, beide vom selben Weingut,  aber sie sollten unterschiedlich schmecken. Das ist ein hervorragender Anlass den Wein von einer Backe in die andere zu spülen, mhhhh zu machen, und zu sagen: „Na, der Grauschiefer schmeckt aber ganz besonders schiefrig.“ Spätestens ab dem sechsten Riesling fällt das aber echt schwer. Dann kommt irgendwann nur noch: „Ei, der is aber süffisch heut“.

Demeter

Letztlich hilft nur die ausdauernde Praxis des Weintrinkens weiter. Dafür bietet sich so ein Weinfest eben an. Man geht da am frühen Nachmittag hin, wenn es noch leer ist und spricht mit den Winzern. Weinlagen – das ist eine Wissenschaft für sich, ein verwirrendes Bild!  Früher gab es in Deutschland nur das Großlagenprinzip. So wie eben die „Martinthaler Wildsau“. Innerhalb so einer Lage kann man praktisch alles produzieren, weil die Großlage nicht viel über die Qualität des einzelnen Weins aussagt. Da kann ganz mieser Wein dabei sein, aber auch ein Spitzenwein. Vor ein paar Jahren hat man dann entscheiden: Das mit diesen deutschen Lagen und Bezeichnungen, das ist total kompliziert, das versteht keiner. Die jungen Konsumenten nicht und international schon gar niemand mehr. Man wollte im Rheingau so etwas wie das französische „Grand Cru“. Das ist das Beste, was ein Weingut zu bieten hat. Große Spitzenweine, für die man gleich mal ein entsprechendes Preisniveau angepeilt hat. Also hat man das als „Erstes Gewächs“ übersetzt und hat jeden einzelnen Weinberg klassifiziert, nach Hangneigung und Sonneneinstrahlung und bestimmte Weinberge dürfen jetzt „Erste Gewächse“ hervorbringen, aber nur, wenn die Reben von so einem Weinberg nach bestimmten Kriterien ausgebaut werden. Aber das gibts auch nur im Rheingau, und insofern ist es auch wieder verwirrend. Es gibt ja auch noch die anderen Gütesiegel. „VDP“, der Edelverband bestimmter deutscher Weingüter. Die haben dann nicht das „erste Gewächs“ sondern die „erste Lage“. Im Rheingau gibt es zusätzlich noch die „Charta“ Weine, die es offiziell nicht mehr gibt, aber manchen Winzer benutzt das Siegel weiterhin. Das kommt aus den 80ern und war eine Vereinigung von Weingütern die sich praktisch freiwillig verpflichtet haben bestimmte Produktionsstandards einzuhalten um so ganz klassischen Riesling zu produzieren. Und was früher „halbtrocken“ war ist heute oft „feinherb“, wobei das nicht ganz dasselbe ist, aber ich vergesse den Unterschied immer wieder, das weiß eh niemand. Sowas lässt man sich wie gesagt am besten nachmittags bei ein paar Gläschen auf dem noch leeren Weinfest von einem Winzer erklären und hat es nach ein paar weiteren Gläschen auch schon wieder vergessen.

weinfest wiesbaden korken

Zu dem Thema gehört auch die Flaschendiskussion, die im Rheingau geführt wurde. Dabei war der „Korken“ nur relativ kurzzeitig eine ideologische Frage, das hätte ich auch nicht gedacht und da bin ich selbst auch sehr pragmatisch geworden. Der Schraubverschluss hat sich weithin durchgesetzt. Früher hat man gesagt:
„Das geht gar nicht!“. Aber die Weine sollen auch nicht mehr zwanzig Jahre im Keller liegen. Dafür war der Korken halt wichtig, denn da konnte der Wein noch atmen. Die Diskussion über die eigentliche Flaschenform war auch grandios; traditionell wurden vor allem schlanke braune Weinflaschen im Rheingau verwendet, dann hat man in den 80ern die „Flöte“ erfunden, die Idee war: „Wir benutzen ab jetzt  eine unverwechselbare Flasche, die es sonst nirgendwo gibt.“
Die Flöte ist auch auffällig, und entsprechenden Gläsern gab es auch dazu. Die Flötenflasche hat sich aber nicht durchgesetzt, an etwas sehr Banales hat man etwa nicht gedacht, mit ihrem hohen Hals sieht die Flasche echt schick aus, passt aber nicht in die meisten Kühlschrankfächer. Aber manche Winzer benutzen sie weiter.

Hestia

Ich würde schon sagen, das Weinfest ist primär ein lokales Fest, allerdings mit einer relativ starken regionalen Ausstrahlung und es wird auch regional so vermarktet.
Es gibt auch Tourismus der hier hinfährt. Reisegruppen ab und an, Amerikaner sind hier auch gerne. Wir haben auch viele in Wiesbaden. Aber letztlich ist es tatsächlich ein Fest für die erweiterte Stadtbevölkerung, plus so ein bisschen die nähere Region. Das ist eigentlich auch das Nette. Hier geht der Wiesbadener noch geschlossen hin, mit einer Ausnahme – einer bezeichnenden Ausnahme  – die migrantisch –muslimische Stadtbevölkerung findet man hier praktisch überhaupt nicht. Das Weinfest ist in dieser Hinsicht noch ganz traditionell. Hier ist ja Wiesbaden in seiner Zusammensetzung noch so wie es vor 60er Jahren war. 

weinfest wiesbaden essennsreste

Das Weinfest ist ja erst seit ein paar Jahren, oh jeh, vielleicht zehn Jahre oder ist das länger her? hier auf dem Dernschen Gelände und dem Schlossplatz. Vorher war es ja in der Fußgängerzone. Wobei die Keimzelle vor der Marktkirche war, und dann gab es noch ein paar Jahre lang Teile der Stände auf dem Luisenplatz. Zu den Zeiten als es in der Fußgängerzone war, gab es eine ganz eindeutige Schichtung auf dem Weinfest. Im Grunde genommen konnte man entlang der Stände die sozialen Milieus ablaufen. Das fing vor dem damaligen Hertie an, da war so ein Abschnitt des Festes, ich würde ja fast sagen, für die Leute, die dort waren, gibt es heute keinen Platz mehr auf dem Weinfest. Aber vielleicht gibt es diese Leute auch gar nicht mehr. Dort war der Wein sehr billig, und ich erinnere mich dunkel an selbstvergessen tanzende älteres Paare mittags in der Fußgängerzone und angedödeltes Schunkeln. Von da aus durch die Fußgängerzone in Richtung Marktplatz kam man an den verschiedensten Milieus vorbei. Es gab den bürgerlichen Teil, die Rentnerstände und der vornehmere Teil bis zur Marktkirche.  Nachdem das Weinfest  auf das Dernsche Gelände und den Schlossplatz gezogen ist, hat sich das alles sehr stark geändert. Wobei die beiden Teile in den ersten Jahren gesellschaftlich noch ein bisschen getrennt waren, hier die Wiesbadener Gesellschaft und dort die Rentner und Angestellten, das hat sich aber dann verwischt. Ein Teil der Edelweingüter  sind auch erst in den letzten Jahren auf das Weinfest gekommen. Die sind jetzt auf dem am Dernschen Gelände, einfach weil da freie Stände waren. Die Jugendlichen  – das war auch schon früher so – halten sich hinten auf der Wiese auf mit den mittlerweile abgesperrten Blumenrabatten und bringen sich oft ihren Fusel mit.

Weinfest Wiesbaden 2017 morning after #1

… ja Herrgott was willst du letztlich wissen?  Jenseits all dessen ist Wein natürlich ideologisch sozusagen ein ganz hoch besetztes Getränk. Mit Wein verkaufst du Landschaft, verkaufst du Wandern, Wellness das ist alles beim Wein drin, aber letztendlich es ist nur ein technisches Produkt, war es auch immer…und jetzt habe ich noch gar nicht angefangen über meinen Wiesbaden Roman zu sprechen….

Anmerkung: taumelland hat sich bereits 2017 von Dr. Oliver M. Piecha das Wiesbadener Weinfest erklären lassen.
Nach einer zweijährigen Überarbeitung 🙂 des Interviews freue ich mich es 2019 endlich veröffentlichen zu können.
Alle Aufnahmen des Weinfestestes sind im August 2017 am „morning after“ fotografiert.

Vielen Dank Oli!   

Dr. Oliver M. Piecha
Dr. Oliver M. Piecha, Weinfest Wiesbaden, August 2019

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.