Ausstellungsbesuch: Diane Arbus Konstellationen

Diane Arbus Konstellationen Ausstellung Gropius Bau Berlin

Diane Arbus: Konstellationen, Berlin Gropius Bau 16.10.2025 – 18.01.2026

Ausstellung Konstellationen Diane Arbus Berlin Gropius Bau
Ausschnitt Ausstellungsplakat; Niederkirchnerstraße, Berlin Novemkber 2025

Taumelland hat die Diane Arbus Ausstellung „Konstellationen“ im Berliner Gropius Bau besucht.
Die Begegnung mit den Bildern von Diane Arbus, hat mich sehr beschäftigt. Umso mehr, als dass ich jüngst erst eine Biografie über sie gelesen hatte (Patricia Bosworth: +Schwarz & weiß).
Eine Bemerkung vorneweg: Ich möchte mal eine Lanze dafür brechen, dass es sich in jedem Fall lohnt Fotos in ihrer materiellen Dimension als Print zu betrachten. Die Grundlage des Ästhetischen – also der Kultivierung der Fähigkeit die Welt wahrzunehmen – setzt Sinnlichkeit voraus. Für Taumelland ist das bei Foto-Drucken mehr gegeben, als wenn sie digital oder in Büchern, Zeitschriften etc. wiedergegeben werden. Dafür lohnt auch der eventuelle Mehraufwand wie der Besuch einer Ausstellung an einem weit entfernten Ort wie in diesem Fall Berlin.
Bei der Berliner Ausstellung handelt es sich um die zahlenmäßig größte Präsentation von Diane Arbus Bildern. Sie umfasst sage und schreibe 454 Bilder. Das ist eine Hausnummer, vor allem auch, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel die Ausstellung „Family of Man“ – die vom Anspruch her nichts weniger wollte, als den Menschen/die Menschheit in all seinen/ihren Facetten darzustellen, gerade mal 49 Fotos mehr umfasst (503).  Demgegenüber ist die thematische Bandbreite von Diane Arbus deutlich eingeschränkter. Grob gesagt lässt sich ihr Oeuvre in gerade mal vier Themenbereiche aufgliedern: Portraits von bekannten und zur damaligen Zeit berühmten Persönlichkeiten (vor allem auch Schauspieler: innen und Künstler: innen) – oft Auftragsarbeiten für Zeitschriften wie „Harpers Bazaar“. Die Fotos von Außenseitern, sozialen Randgruppen wie die Nudisten (Camps), Transvestiten, Exzentrikern und Freaks (im klassischen Sinne des Begriffs (freak of nature = eine Laune der Natur), Jahrmarktkünster:innen, wie Klein und Großwüchsige, Tätowierte, die „bärtige Frau“, Schwertschlucker: innen etc.., die in sogenannten „Freak-Shows“ auftraten – diese sollten öffentlich bekannt und „berühmt“ machen.   Bilder von Menschen, denen sie „zufällig“ auf fotografischen Streifzügen in ihrer Heimatstadt New York („Street Photographie“) begegnete (hier vor allem auch Pärchen) und die sie spontan ablichtete. Außerdem Bilder von Bewohner: innen verschiedener Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung (Project „Untitled“ 1969-71) und mit denen sie wohl eher unzufrieden war – aber dazu später mehr. Sie hat auch Mode – vor allem Kinder Mode – fotografiert, aber diese Bilder sind bis auf vielleicht Eins nicht Thema in der Ausstellung.

Wartebereich, Hauptbahnhof, Wiesbaden, November 2025
Wartebereich, Hauptbahnhof, Wiesbaden, November 2025

Erst nochmal zurück zum Aufbau der Ausstellung im Gropius Bau. Wie schon gesagt eine riesige Menge an Bildern, die es zu präsentieren gilt. Man könnte meinen, Diane Arbus Ausstellungen unterliegen einer Art anschwellender Bilderflut. Die erste Ausstellung, an der Diane Arbus teilgenommen hat war die berühmte „New Documents“ Ausstellung im MoMa 1967 (zusammen mit Lee Friedlander und Garry Winogrand) sie beinhalte circa 30 ihrer Bilder. Die Retrospektive „die posthum“ 1972 ebenfalls im MoMa gezeigt wurde und die sie auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen sollte, zeigte ungefähr 113 ihrer Aufnahmen.  Die bis zur Berliner Ausstellung bisher größte Zeigung ihrer Bilder – Diane Arbus: Revelations“ (Ausstellungstournee 2003–2006) umfasste etwas über 200 Bilder – nun also 454. Alle diese Abzüge wurde von Neil Selkirk – einem ehemaligen Schüler von Diane Arbus – angefertigt. Er ist wohl die einzige dazu autorisierte Person und die Berliner Ausstellung enthält alle jemals von ihm angerfertigten Abzüge von Negativen von Diane Arbus. Sein besonderer Ehrgeiz galt und gilt, die Bilder möglichst so abzuziehen, als hätte Diane Arbus sie selbst angefertigt. Selkirk schreibt im zur Ausstellung gehörenden Heft, dass die Rekonstruktion Ihrer Techniken sehr aufwendig war und ist. Die Chemie korrekt anmischen, den richtigen Bildausschnitt unter dem Vergrößerer wählen etc… Er arbeitete dafür im und mit dem Originallabor von Diane Arbus, das wohl rein technisch gesehen sehr einfach war, so das schon zu Lebzeiten es Diane Arbus kaum möglich war einen identischen zweiten Abzug einer Fotografie anzufertigen. Taumelland kann sagen, dass die Abzüge großartig sind und sich der betriebene Aufwand insofern wirklich gelohnt hat.
Der besondere Clou der Berliner Ausstellung ist die Hängung und Präsentation der Aufnahmen. Die Arbeiten werden über circa sechs Räume (ich habe mir die genaue Anzahl nicht gemerkt) verteilt an schwarzen in den Räumen aufgestellten und sie durchtrennenden Gittern präsentiert.  Es existiert keine erkennbare chronologische oder thematische Ordnung/Reihenfolge, der die Bilder-Präsentation folgen würde. Am Eingang zur Ausstellung ist ein kleines Heft mit einem Bildverzeichnis der Ausstellung erhältlich. Hierin lässt sich der Titel und das Aufnahmedatum der einzelnen gezeigten Bilder erfahren. Das ist zwar von Bild Nummer Eins bis Vierhundertvierundfünfzig durchnummeriert, entpuppt sich aber auch als ein trügerisches Hilfsmittel, da selbst bar jedes weiteren Ordnungskriteriums. Daher wohl auch der Titel der Ausstellung „Konstellationen“. Alle Besucher: innen sind dazu aufgefordert nach eigenem Gutdünken die Ausstellung zu erkunden und Beziehungen zwischen sich und den Bildern zu knüpfen (oder eben auch nicht). Kurz gesagt Taumelland betrat ein Labyrinth aus Bildern und Raumteilern. Zum Glück gab es hier keinen Minotaurus aber eben wie gesagt auch keinen Ariadnefaden (vor den Risiken eines Museumsbesuches ohne Orientierungshilfe hatte Taumelland an anderer Stelle schon ausdrücklich gewarnt: Neun Tipps für den Museumsbesuch).  Die Bilder sind so gehängt, dass man, um sie betrachten zu können, manchmal den Kopf in den Nacken legen oder auch in die Knie gehen muss. Neben den Bildern waren Nummern angebracht, die sie via Begleitheft identifizierbar machten. Das ganze Setting verlangsamt die Betrachtung der Bilder ziemlich, die Ausstellung widersetzt sich so ihrem oberflächlichen und schnellen Konsum. Wenn man, leicht zwanghaft wie Taumelland, jedes Bild nachschlägt und manchmal auch noch zwischen den Räumen wechselt um ein schon betrachtetes Bild (wo zur Hölle war das nochmal) mit einem gerade entdeckten zu vergleichen, dann ist man schon so vier bis fünf Stunden mit der Ausstellung beschäftigt.  Zum Glück verfügt der Gropius Bau über ein Café, das sich für eine kleine Pause anbot und zudem noch mit großartigen Tischblumen dekoriert war 😊. Aber jetzt zu Diane Arbus und Ihren Fotos. 

Café Gropius im Martin-Gropius-Bau, Gropius Bau, Berlin November 2025
Café Gropius im Martin-Gropius-Bau,Gropius Bau, Berlin November 2025

Aber wo und wie damit beginnen? Na jedenfalls nicht chronologisch …  
Diane Arbus hat sich Zeit ihres Lebens damit schwer getan (sich geweigert) ihre Bilder in einem Buch oder einer Ausstellung zusammenzufassen. Sie sah darin eine vermeintliche endgültige Festschreibung ihres fotografischen Schaffens die sich wie einen Schlusspunkt gegen sie und ihrer Kreativität wenden würde. Neben Ihrer Beteiligung an der New Documents Ausstellung 1967 die sie und ihr Werk mit dem „Kunststatus“ adelte, gab es kaum nennenswerte Ausstellungbeteiligungen. Die meisten Zeit ihres Lebens veröffentlichten Aufnahmen waren Auftragsarbeiten für Harpars Bazar, New Yorker und andere Magazine. Es gibt noch ein 1970 von ihr veröffentlichtes Portfolio „A box of   ten photographs“/Nr 455. Die Auflage des Portfolios sollte 50 Stück betragen., Zu ihrer zu Lebenszeit sollte sie aber nur vier Stück davon verkauft bekommen. Kurz gesagt der öffentliche Ruhm von Diane Arbus setzt erst nach ihrem Freitod 1971 ein. Dann allerdings umso heftiger.  Ihr posthum 1972 im MoMA gezeigte Retrospektive sollte die bis dahin zweit erfolgreichste Fotoausstellung überhaupt werden (nach der Family of man Ausstellung 1955). Noch zu Lebzeiten hatte der Kurator Walter Hopps ihr die Zustimmung abgerungen sich an der Biennale de Venezia 1972 zu beteiligen. Damit wurde sie zu dem/der ersten dort gezeigten Fotografen:in überhaupt! Das war auch insofern ein entscheidendes Ereignis in der Kunst(geschichte) dass damals zum ersten Mal Fotografie als künstlerische Position gleichrangig zu Malerei und Skulptur gezeigt wurde. Das sollte der Fotografie und den Fotografinnen endgültig einen Zugang zum Kunstmarkt verschaffen. Bis dahin war Fotografie zwar auch schon – gerade auch vom MoMA – in Museen und Ausstellungen zu sehen gewesen, aber die Bilder wurden kaum und wenn zu sehr niedrigen Preisen gehandelt. Ein Beispiel dafür ist die 1954 in New York von Helen Gee gegründete „Limelight Galerie“ (1954-1961), die ausschließlich auf den Verkauf von (künstlerischen) Fotografien setzte. Heute eine Legende, aber damals ohne jeden wirtschaftlichen Erfolg. Zur Galerie gehörte ein Café, welches das finanzielle Überleben der Galerie ermöglichte. Die Galerie war ein beliebter (Szene-)Treffpunkt, aber kaum jemand wollte Fotografien kaufen – 25$ für einen Robert Frank? 100$ für einen Vintage Abzug von Moholy-Nagy, das war nach Meinung des Publikums entschieden zu viel. Zitiert nach: Koetzle, Reden wir über Fotografie).
Mal im Kontrast dazu: Heute werden zum Beispiel für Diane Arbus wohl berühmtestes Bild  „Identical twins“ /1967 /Nr.453 als Original/Vintage-Abzug bis zu siebenstellige Beträge aufgerufen.  Das Bild war übrigens auch die Vorlage für  die unheimlichen Zwillinge aus Stanley Kubricks  Romanverfilmung von Stephen Kings „Shining“, aber das nur so am Rande.
Wie gesagt erst in den Siebzigern sollten aus Fotografinnen Künstlerinnen und aus profanen “Abbildern“ und Dokumenten Kunstwerke werden.

Folie + Gitter, Gropius Bau, Berlin November 2025
Folie + Gitter, Gropius Bau, Berlin November 2025

Für Diane Arbus war das Fotografieren etwas „Schweres“, etwas was man sich und dem zu fotografierenden Gegenüber mühsam abringen musste. Zusammengefasst folgte sie drei Leitsätzen in Ihrer Fotografie. Einmal postulierte sie, dass bestimmte Dinge/Zusammenhänge ohne sie niemals so im Bild festgehalten worden wären, eine ihr genuine Sensibilität. Von Ihrer Lehrerin Lisette Modell übernahm sie (unter anderem)  die Vorstellung, dass um zu allgemeinen (Bild)Aussagen zu kommen man umso konkreter/spezifischer fotografieren muss (genau hinsehen). Als Letztes  wollte sie fotografieren „wie etwas wirklich aussieht“.  Sie war der Auffassung, das in der Selbstdarstellung eines Menschen /Gruppe etc. etwas versteckt ist, was sich durchaus in der gewählten Selbstdarstellung  ausdrückt aber trotzdem im Widerspruch dazu steht. Salopp gesagt war sie auf der Suche nach Rissen in der vom Proträtierten selbstgewählten öffentlichen „Persönlichkeit“. Diese herauszuarbeiten um damit zu dem zu gelangen „wie etwas ist“ –  war für Arbus ein Prozess, der nur im Dialog mit dem Porträtierten möglich war. So klagte sie auch darüber, dass Ihr das beim Fotografieren der Geistig Behinderten nicht gelungen ist da sie keinen adäquaten Kontakt zu Ihnen aufnehmen konnte. (Untitled Nr. 290 – 318).
Die Betonung der Prozesshaftigkeit ihrer Methode kling erstmal ganz nett nach Einvernehmlichkeit und Vertrauensverhältnis, aber das meinte es ganz und gar nicht. Kurz zusammengefasst :Diane Arbus scherte sich null um die Vorstellungen, die die von ihr Porträtierten von einem gelungen Foto ihrer Selbst hatten. Man kann sogar eher sagen ,dass sie ihre „Modelle“, was ihre Absichten betraf, systematisch hinterging, deren Erwartungen unterlief und deren Vertrauen missbrauchte um zu Bildern zu kommen die zeigen „wie etwas ist“. Ein Beispiel dafür ist die bekannte Fotografie „Child with a toy hand grenade in Central Park“ /Nr.40, das einen verkrampft dastehenden Jungen mit heruntergefallem rechten Hosenträger zeigt. Sein Gesicht ist zu einer Grimasse verzerrt und in einer Hand seiner  nach vorne verdrehten Arme hält er eine Spielzeughandgranate. Im Kontrast dazu steht der den Hintergrund ausfüllende „friedliche“ Central Park. Bei der Durchsicht der Negative von Arbus zeigte sich, dass der Junge anfangs (auf dem ersten Negativ) noch freundlich in die Kamera lächelte und ohne die Handgranate für Arbus posierte. Erst als ihm die Foto-Session zu lange dauerte, nahm er die eher „bedrohliche“ Körperhaltung an.
Diane Arbus konnte so beim Fotografieren sehr aggressiv werden. So wurde sie auch öfter mal aus den Transvestiten Clubs, in denen sie fotografierte, rausgeworden. Die feministische Autorin und Publizistin u. a. Germaine Greer schildert eine  Foto-Session mit Diane Arbus wie einen Ringkampf, bei der sich Arbus auf sie gesetzt hatte, fotografierte und dabei beruhigend auf sie einredete.  Was Germaine Greer zum Ausspruch veranlasste, sie würde sich nicht von Ihr wie  ihre grotesken Freaks (von Arbus) fotografieren lassen!“ ( zitiert nach Patricia Boswoth). Diese Aussage führt auch auf eine interessante Spur in der Rezeption von Arbus Aufnahmen.

Geländer, Gropius Bau,Berlin November 2025
Geländer, Gropius Bau,Berlin November 2025

Abus fotografierte, wie schon erwähnt, auf der einen Seite für verschiedene Magazine einflussreiche Berühmtheiten, die durchaus in der Lage waren sich zu wehren, wenn Ihnen eine Aufnahme von ihnen nicht genehm war, in dem sie sich bei den verantwortlichen Redaktionen der Zeitschriften beschwerten. Die persönliche Kontrolle über das eigene Bild war und ist durchaus ein Zeichen von sozialem Status und gesellschaftlichem Einfluss/Macht.
Außerdem filterten die Redaktionen in einer Art freiwilliger Selbstkontrolle von sich aus schon provokante oder ungehörige Bilder aus, von denen sie annahmen, dass sie ihre Leser: innen verschrecken würden. Sie wollten auf jeden Fall verhindern, dass empörte Leser:innen ihre Abonnements kündigen.  So waren die Bilder von Diane Arbus oft auch eine Gratwanderung für die Bildredaktionen und wurden im Zweifelsfall gar nicht erst verwendet/gedruckt.
Die am Rand der Gesellschaft stehen „Freaks“ die Arbus fotografierte, hatten diesen ethischen, sozialen Schutzschirm/Filter nicht. Soweit ich weiß, hat Arbus wenn überhaupt nur sehr wenige Ihrer Porträtierten: Kleinwüchsigen, Schausteller, Transvestiten, oder auch die im Central Park fotografierten Familien/Pärchen jemals um die Bildrechte gebeten oder gefragt, ob sie Ihre Fotos veröffentlichen dürfte.  Darauf weist Germaine Greer hin, wenn sie sagt, dass sie als Teil der intellektuellen Oberschicht sich nicht wie „Die da unten“ behandeln lässt, sondern auf einem ihrem gesellschaftlichen Status entsprechenden Umgang mit ihr besteht.
An der Stelle kommen noch ein paar andere Aspekte an Arbus Bildern ins Spiel. Einmal lösten ihre Bilder damals in der Öffentlichkeit eine breite Ablehnung aus. Diese wurden aber aus zwei ganz unterschiedlichen Ursachen heraus befeuert.
So wurden ihre Bilder in der „New Documents“  Ausstellung von 1967 von den Besucher: innen bespuckt und das Museumspersonal musste sie abends wieder sauber wischen. Das richtete sich einfach dagegen, dass Aufnahmen von Freaks, Transvestiten und bestehende gesellschaftlichen Tabus – wie ein interethisches Pärchen – in einer Kunstausstellung auftauchten und damit öffentlich sichtbar gemacht und (vielleicht auch) gewürdigt  wurden.
Sie – also die auf den Fotos Abgebildeten –  sollten wieder in die (sozialen )„Abgründe“ zurückkehren, aus denen sie gekommen waren.
Ganz so wie Brecht es in der Dreigroschen Oper formuliert hatte:
„Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht. Und man sieht die im Lichte.
Die im Dunkeln sieht man nicht. “ – Die „Freaks“ sollten sozial ausgeschlossen bleiben.
Eigentlich eine klassische spießbürgerliche Ablehnung von allem, was anders und nicht normkonform ist.

WC, Gropius Bau Berlin, November 2025
WC, Gropius Bau Berlin, November 2025

 

Die andere Kritik geht etwas weiter, bezieht sich aber auch auf die gesellschaftliche Randständigkeit der Menschen. Die Kritik richtet sich jetzt aber stärker gegen die Person Diane Arbus, als gegen ihre „Motivauswahl“.
Dafür gehen wir nochmal eine Schritt zurück: Die eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung sind ihre quadratischen, formatfüllenden Porträts, bei denen die Porträtierten direkt in die Kamera schauen. Die Bilder wirken so, als würden die abgebildeten Menschen den Betrachter direkt ansehen. Sie suggerieren ein Einverständnis mit der Fotografin und dem Betrachter.  Diane Arbus verwendete für die Aufnahme einen Blitz, der die hypnotische Wirkung der Bilder zusätzlich unterstreicht. Die Bilder können, wenn man sich ihnen aussetzt, eine magnetische Wirkung auf die/den Betrachter: in haben, die es einem schwer macht den Blick wieder von dem Foto abzuwenden. Bei diesen Bildern kommt sie meiner Meinung nach diesem von ihr postulierten „etwas, wie die Dinge wirklich aussehen “ am nächsten.  Allerdings löst die Betrachtung der Bilder auch ein Unbehagen bei dem/der Betrachter: in  aus. Wir sind dazu erzogen, Menschen nicht anzustarren, schon gar nicht welche mit körperlichen Gebrechen oder Auffälligkeiten. Nun sind Fotografien aber per se eine Einladung zum Anstarren.  Diese Diskrepanz kann durchaus zu einem Unwohlsein beim Betrachten von Diane Arbus Fotos führen, aus der sich dann auch die Ablehnung nicht unbedingt der dargestellten Personen aber der Fotografien und der Fotografin speisen kann.
Diane Arbus war jetzt nicht die erste Fotografin die „Freaks“ fotografiert hat. Aber niemand (mir Bekanntes) vor ihr hat das auf eine so konfrontative, psychologisierende Art getan. Die Art Ihrer Fotos, nämlich kontextlose Close UPS (Diane Arbus beschrieb das mal, als Ihre  Porträtierten „im Schraubstock haben“)  wirft nämlich auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Fotos auf. Diane Arbus verweigert zu Gunsten des Beschreibenden –„das was ist“ – jede Art von kontextualisierender Erzählung. Den Bildern und damit auch ihr fehlt ein (innerer) moralischer Kompass, so der Vorwurf.  Sie sei eine arrogante Narzisstin die sich in fotografischen Fingerübungen ergehen würde und für Ihren eigenen Ruhm die porträtierten „Freaks“  nur benutzen würde, ohne ein Interesse an dem Schicksal der porträtierten Menschen zu haben. Ihr Interesse beziehe sich also nur auf ihre eigene Karriere und dazu beute sie die „Freaks“  – die sich nicht wehren können – aus. Auch bei diesem Argument – an dem auch was dran sein mag – bleiben die „Freaks“ bizarr und sollen wenn auch nun aus  ehernen Gründen  gefälligst an ihrem Platz im Dunkeln bleiben. Sie werden vor  der gewissenslosen Fotografin in Schutz genommen, indem man sie bildlich gesprochen ins Dunkle zurück stößt.  Die „Freaks“ dürfen nur als hilfsbedürftige und mitleidserregende soziale Randgruppe in Erscheinung treten, nicht aber als Individuen.

Kantine, Stresemannstrasse, Berlin, November2025
Kantine, Stresemannstrasse, Berlin, November2025

Deutlich wird das wenn man ihre Arbeit  mit der etwas früher entstanden Fotoreportage „Circus“ (1958) von Bruce Davidson vergleicht.
https://www.magnumphotos.com/arts-culture/performing-arts/bruce-davidson-circus/
Nehmt Euch jetzt kurz Zeit die Bilder mal anzuschauen (ich hoffe der link bleibt eine Weile lang gültig)
Bruce Davidson und Diane Arbus waren wohl befreundet  – Diane hatte als Bruce Davidson in einer Schaffenskrise war und diese durch Unterrichten überwinden wollte –  auf Einladung mal  einen Workshop bei ihm besucht.  So vermute ich, dass Diane diese Arbeit kannte.
In dieser eindrucksvollen und melancholischen  Reportage über das Verschwinden des Wanderzirkus und damit einer Lebensweise geht es auch um einen Kleinwüchsigen. Dabei versuchen Text und Fotografien  Empathie, Mitleid und Verständnis für das harte Leben eines Kleinwüchsigen zu wecken, der von seiner Umwelt nur als Kuriosum akzeptiert wird und tragischer Weise dazu gezwungen ist, genau das zurück zu spiegeln um sein Überleben zu sichern.
Davon sind – wie schon gesagt – die analytischen Bilder von Arbus Lichtjahre entfernt.
Das ist auch die Bruchstelle zwischen klassischer humanistischer Reportagen Fotografie, wie sie in Zeitungen und Magazinen stattfand und stattfindet und der eher subjektiven (selbstreflexiven) und distanzierteren künstlerischer Fotografie, wie sie von John Szarkowski  in den schon erwähnten „New Documents“ Ausstellung propagiert wurde.
In Diane Arbus Fotografien gibt es kein Mitleid, keine Erklärungen, aber natürlich das schon erwähnte Verlangen nach Aufmerksamkeit durch den/die Betrachter:in – und das ist die eigentliche Provokation Ihrer Bilder.
Dabei tritt die Frage nach der Intension und dem geistigen Zustand der Fotografin zwangsläufig mehr in den Mittelpunkt, als bei anders gearteten Fotografien.
Wie muss man drauf sein um solche Bilder zu machen? Und hier fällt und viel das Urteil nicht immer positiv aus. Es gibt natürlich hauch die umgekehrte Meinung, dass Diane Arbus besonders empathische Fotografin war. Das will ich aber hier nicht entscheiden.
Spannend ist da ehr die Frage was fühlt Ihr selber wenn ihr Euch ihren Bildern aussetzt: Wärme und Nähe oder eher Kühle und Distanz, vielleicht ja was ganz anderes..? Wie auch immer ich glaube nicht , das die Bilder jemanden vollkommen unberührt lassen werden.
Nun haben sich im 21. Jahrhundert die Sehgewohnheiten sehr geändert. Bei der Ausstellung in Berlin habe ich es jedenfalls nicht erlebt, dass sich noch irgendjemand besonders provoziert gefühlt hat, oder gar auf die Fotografien los ging und sie von den Gestellen reißen wollte.
Neben mir stand ein Besucher und sprach: „Der muss das Fotografieren aber viel Spaß gemacht haben! – Das merkt man!“ „Hm dachte ich bei mir“ – um Spaß ging es hier wohl nie -eher um „Begegnung“, ein „Hi“ sagen – vielleicht aber auch nur ums Überstehen des nächsten Tages“

Schließen möchte ich den Beitrag mit einem halben Zitat von Diane Arbus zu Fotografie.

Fotografie wäre so, wie wenn man sich nachts auf Zehnspitzen in die Küche schleicht, um ein Stück Torte aus dem Kühlschrank zu stibitzen“. (zitiert nach Bosworth).

Darüber denkt Taumelland jetzt erst einmal nach 😊

Fotos aus der Ausstellung Diane Arbus Konstellationen

Diane Arbus Konstellationen
Diane Arbus Konstellationen
Diane Arbus Konstellationen
Diane Arbus Konstellationen
Diane Arbus Konstellationen
Diane Arbus Konstellationen
Fotos Ausstellung  Diane Arbus Konstellationen im Berliner Gropius Bau
Diane Arbus KonstellationenFotos Ausstellung Diane Arbus Konstellationen im Berliner Gropius Bau

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