Single Trail

Singel Trail #1
that why we jump!

Die Wildnis vor der Haustür #4; 13 Aufnahmen Taunus, April 2020

Neulich stolperte ich  beim Wandern über einen sogenannten „Single Trail“. Also einen von Mountainbikern für Mountainbiker angelegten und mit allerlei Hindernissen und Schikanen gespickten Pfad, dessen Bewältigung mal mehr, mal weniger viel Mut und Fahrtechnik erfordert. Gemeinsam ist den Trails, dass sie schmal sind und über naturbelassenen Untergrund führen.
Ich hatte wie so oft die Abfahrtszeiten der Busse nach Wiesbaden nicht beachtet – der nächste Bus sollte in zwei Stunden kommen – und beschloss, dann eben zu Fuß zu gehen.  
So nebenbei bemerkt glaube ich, dass ein nicht unerheblicher Teil meiner zurückgelegten monatlichen Laufkilometer auf meiner Weigerung Busfahrpläne zu studieren beruht :-).

Ich wollte nicht unbedingt auf alten und mir wohlbekannten Wegen ins Tal absteigen und bog kurzentschlossen auf einen schmalen Pfad ein, der zumindest den Berg herab führte.
Schnell wurde mir klar, dass es sich um keinen gewöhnlichen Fußweg oder Wildwechsel handelte sondern um eine Strecke für Mountainbiker. Ich stieß auf Sprungschanzen und andere Hindernisse, und in den staubigen Untergrund hatten sich die Reifenprofile diverser Fahrräder eingegraben. Dabei war der Weg so kunstvoll angelegt worden, dass ich ihn mit zunehmender Begeisterung bergab wanderte.

Mal klebte der Weg an einem mit Fichten bewachsenen Steilhang, mal schlängelte er sich durch einen jungen Laubwald, selten führte er geradeaus und niemals war er langweilig. Ein wahres Meisterwerk, dass mich an die harmonisch angelegten Flanierwege durch die englischen Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts denken ließ. Naturalisierte der Landschaftspark noch die gesellschaftliche Stellung des Adels und Großbürgertums so steht der „Singel Trail“ aber mehr für „Carbon und Endorphine“, also einer postmodernen Melange aus Konsum und Selbsterfahrung.
Als „Natursportler“ trägt man – nicht nur als Mountainbiker – oft das gesamte „Dilemma der Globalisierung“  in Form von High-Tech Funktionsbekleidung quasi am Körper oder im Fall des Mountainbikens sitzt man eben auch drauf. Das steht meiner Auffassung nach schon in einem gewissen Spannungsverhältnis zu einer intrinsischen „Naturerfahrung“ – oder aber ermöglicht sie vielleicht auch erst? … dass soll an dieser Stelle mal egal bleiben.

Kurzerhand beschloss ich sobald wie möglich den Weg noch einmal abzuwandern und Ihn für Taumelland mit der Kamera zu dokumentieren.
Manchmal ist es auch ein Glück nicht alles durchgeplant zu haben, sonst hätte ich diesen Single Trail nie gefunden!
Die Mountainbiker und der Wald sind ein Kapitel für sich. Das Mountainbiken ist von seinen Anfängen ( 1973 in Kalifornien ) bis heute – dem Zeitalter des E-Mountainbikes –  zu einem Volks- und Gesundheitssport geworden. Genauso wie für andere Sportarten braucht es eine Sportstätte also einen Ort wo es ausgeübt werden kann. So gehört zum Fußball der Fußballplatz, zum Golf der Golfplatz zum Schwimmen das Schwimmbad etc. und zum Mountainbiker eben Berge (oder zumindest kupiertes Gelände)  und eben auch der Wald. Kurzgesagt es ist ein Sport in der Natur – ein Natursport – aber eben auch ein Sport der die Natur als „Sportgerät“ benötigt.
Das führt zu Konflikten mit anderen „Natursportlern“ wie den Jägern und Wanderern. Auch die Forstwirtschaft zeigt sich ob der vielen Single Trails im Stadtwald wenig begeistert. Jüngst erschien erst ein Artikel im Wiesbadner Kurier zum Thema (WK 04.05 „Abseits der erlaubten Wege“), der die Meinung des Forstamtes so zusammenfast: „ Die Trails schaden der Natur und schrecken die Tiere auf“!  Das Forstamt spricht in dem Artikel von einer zunehmenden Verschärfung des Problems mit „illegal angelegten Trails“.
So werden die Wege, wenn Sie entdeckt worden sind, vom Forstamt auch wieder zerstört und unbrauchbar gemacht. Die Mountainbiker setzen sie dann bei nächster Gelegenheit wieder in Stand. Es läuft wohl auf ein „Hase und Igel“  Spiel im Stadtwald hinaus. Wobei das Forstamt den Igel mimt.

So gibt in Wiesbaden nur eine einzige legale (Downhill) Mountainbike Strecke, den sogenannten „Gravity Trail“ am Schläferskopf, der von einem Verein unterhalten wird.
Andererseits ist in den einschlägigen Portalen und Online-Karten eine Vielzahl von „Single Trails“ im Wiesbadener Stadtwald verzeichnet.
Naja, mir scheint das eine tragfähiger auf gegenseitiger Missachtung beruhender Kompromiss zu sein.

„Die Missachtung des „Feindes“ lässt diesen vor Wut platzen!“

Dr. Jürgen Bohl

Beim Thema Mountainbiken kommt mir immer ein Song von Blutiger Mischwald aus dem Jahr 1993 ins Gedächtnis:

Ich hasse mountainbiker auf ihren bunten rädern im bunten wald oder in bunten läden,
auch die davor hasse ich wie diejenigen, die sich erst noch bunt anziehen müssen oder es vorhaben zu wollen, nicht dass ich die Tat verdamme, kommt es doch darauf an buntig und fit zu sein, so wie es die Werbung und der Alltag, selber grau, von den menschen verlangt, damit sie ihre sture arbeit, ihr ödes tagewerk vergessen und sich selbstkasteien ( … )

der mountainbiker blues, blutiger mischwald, no record 1993

Ich habe den Trail in drei Segmente unterteilt – viel Spaß!

Single Trail Segment #1

wooden heart
no breaks
straight

Single Trail Segment #2 428 m – 304 m

dive into the woods
serpentine
grounded

Single Trail Segment #3 301 m -238 m

..und weiter..
helters skelter
finale

Ich bin den Weg innerhalb einer kurzen Zeitspanne dreimal gewandert und bin dabei nie irgendjemanden begegnet. Weder Mountainbikern noch Förstern oder irgendeinem Wildtier. Wo seit Ihr?! Zeigt Euch! So kommt Ihr mir nicht davon!

Comments (3)

  1. Die Schönheit liegt im Detail – schöne Bilder.

  2. Gut, daß ENTlich mal wieder jemand „Blutiger Mischwald“ zitiert…. war dringend nötig

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