to go for a walk #2 Wandering Star

rootplate#2-3542

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Wurzelteller, Nationalpark Bayerischer Wald, Juni 2018

Vorne weg eine Anmerkung zum Textverständnis. Die hier zitierten Musikstücke solltet Ihr Euch schon mal in voller Länge angehört haben oder zumindest die Texte gelesen haben. Die Zitate geben das Gemeinte leider nur ausreichend wieder.

Prolog

Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern!
Das muß ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
Das Wandern.

( … )

O Wandern, Wandern, meine Lust,
O Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin,
Laßt mich in Frieden weiterziehn
Und wandern.

Das Wandern, Wilhelm Müller, Die schöne Müllerin 1821, Music by Franz Schubert 1823

Gemeinhin ist das Wandern ja, wie in diesem Lied, durchaus positiv besetzt. Es gilt als Trendsport der Jungen, der Dynamischen und der Intellektuellen.  Den „Kopf frei bekommen“, „ zu sich selbst  finden“, „die Exotik der Nähe“ um nur ein paar Schlagworte zu nennen, all das lässt sich durch Wandern erfahren und entdecken. So das Versprechen! Auch taumelland befindet sich oft und gern auf kleiner wie auf großer Wanderschaft.

Aber jetzt in den Raunächten ist die Zeit gekommen, euch von der dunklen Seite des Wanderns zu erzählen. Ein Geschichte die von Irrlichtern, Einsamkeit und dem „in der Welt Verloren sein“ handelt. Also setzt Euch vor zu mir, schaut in das Kaminfeuer, kuschelt Euch in Eure Wolldecken ein, nippt an eurem Whisky und hört mir zu:

Wandering Star

„Wandering Star“ ist ein paradoxer  Begriff. Wenn man ihn im Wörterbuch nachschlägt, bedeutet es so viel wie „Irrstern, „Wandelstern“ oder auch „ fliehender Stern“. Das sind wunderliche Eigenschaften für Sterne. Sprechen wir nicht auch von Fixsternen, gerade weil Sie sich vermeintlich nicht bewegen, sondern fest an das Himmelszelt genagelt scheinen?!  War es nicht der Sternenhimmel der seit jeher der Menschheit Orientierung bot. So fanden die Seefahrer mit Hilfe der Sterne ihren Weg über die Meere, und die Länge eines Jahres und der Beginn und das Ende der Jahreszeiten wurden nach dem Lauf der Sterne bestimmt. Bei den Maya bestimmten die Sterne sogar den Zeitpunkt für das Ende der Welt.

Was aber, so fragt ihr zu Recht, hat dieses seltsame Phänomen der „Wandelsterne“ nun mit dem Wandern zu tun? Auskunft hierüber kann uns Lee Marvin geben:

( … )

I was born under a wandrin‘ star
Mud can make you prisoner, and the plains can bake you dry
Snow can burn your eyes, but only people make you cry
Home is made for comin‘ from, for dreams of goin‘ to
Which with any luck will never come true

I was born under a wandrin‘ star
I was born under a wandrin‘ star

( … )

(I was born under a) Wand’rin’ Star, Lee Marvin, paint your wagon 1969 (Film), 1951 (Musical)

Lee Marvin will nicht mehr ankommen, er fürchtet es mehr als das Wetter und die Elemente, denen er alleine trotzen kann. An einer Stelle im Lied singt er noch: „Do I know where hell is? Hell is in hello, Heaven is in goodbye for ever…“

Ok, bringen wir es auf den Punkt, er ist  ein Misanthrop. Er hasst und fürchtet menschliche Gemeinschaft und hat pathologische Beziehungsangst, aber und das rettet Ihn vor dem totalen Absturz, er hat so etwas wie einen inneren Kompass, dem er folgen kann- einen „Wandering  Star“.  Er wäre jemand, dem man in einer Bar gerne einen Drink spendieren würde um mit Ihm zusammen für eine Weile zu schweigen. Für Lee Marvin gilt noch „der Weg ist das Ziel“.

Wandering Stars scheinen also Wanderern zu erscheinen, die nicht mehr ankommen wollen oder auch können.

Das gilt auch einem zweiten Wanderer, den ich Euch vorstellen möchte. Er bezeichnet sich selbst gar nicht mehr als solchen, sondern er nennt sich „Passagier“

( … )

Oh, the passenger
How-how he rides
Oh, the passenger
He rides and he rides
He looks through his window
What does he see?
He sees the silent hollow sky
He see the stars come out tonight
He sees the city’s ripped backsides
He sees the winding ocean drive
And everything was made for you and me
All of it was made for you and me
‚Cause it just belongs to you and me
So let’s take a ride and see what’s mine

( … )

Passenger, Iggy Pop, Lust for Life 1977

Bei Ihm ist es so, dass er gar nicht mehr anhalten kann. Er ist zwanghaft in Bewegung. Wandern bedeutet in Normalfall auch mal inne zuhalten. Eine Rast einzulegen und vielleicht mal auf den schon zurück gelegte Wegstecke zu schauen. Das ist dem Passagier unmöglich. Er fährt an allem vorbei und kann nur noch die Dinge benennen die er sieht. Zwischen Ihm und der Welt ist eine Glasscheibe, die authentische Erfahrungen und Weltverständnis verunmöglicht. So spekuliert er darüber, was für Ihn gemacht sein könnte und was zu Ihm gehören könnte. Im Gesamttext des Liedes wechselt er auch öfter die Personalpronomina, mal spricht er von sich in der ersten Person, mal in der Dritten und es bleibt auch unklar, ob da tatsächlich noch eine weitere Person ist, zu der er spricht, oder nicht eher jemand von Früher, jemand Eingebildetes – eine Abspaltung seines Egos?
Lee Marvin hat in seinem Lied noch einen Refrain eine (Selbst-)Erklärung für sein Verhalten, nämlich dass er unter einem „Wandering Star“ geboren wurde, das hat Iggy Pop nicht mehr:

Sein Refrain ist  auch nur noch eine sinnentleerte Phrase und taugt nicht mehr als innerer Kompass:

Singin‘ la-la-la-la-la-la-la-la
La-la-la-la-la-la-la-la
La-la-la-la-la-la-la-la, la-la

Beim Passenger gibt es nur noch die Bewegung, die so schnell ist, dass man vielleicht noch umsteigen aber keine falls mehr aussteigen kann. Woher diese (Selbst-)Entfremdung rührt, darüber lässt sich nur spekulieren, sie bleibt (auch Ihm) verborgen. Der Passagier ist selbst zu eine „wandering star“ geworden.

Am Ende aber hört alle Bewegung auf. Davon erzählen Portishead:

Please could you stay awhile to share my grief
For its such a lovely day
To have to always feel this way
And the time that I will suffer less
Is when I never have to wake
Wandering stars, for whom it is reserved
The blackness of darkness forever
Wandering stars, for whom it is reserved
The blackness of darkness forever

( … )

Wandering Star, Portishead, Dummy 1994

Eine Krankheit? ein persönlicher Schicksalsschlag?, ein gebrochenes Herz? Was hat die Protagonistin so reingeritten? Hier ist auf jeden Fall alle Wanderschaft beendet, es gibt keinerlei Orientierung mehr, nichts mehr an dem man sich hätte erfreuen können. Die Sterne sind erloschen, es gibt nur noch Dunkelheit. Am Ende allen Wanderns scheinen Lethargie  und Tod zu stehen.
Fast! Denn Rettung ist möglich. Man kann, wie in diesem Fall,  versuchen sich Anderen mitzuteilen und sie um Hilfe bitten, vielleicht scheinen sie ja dann wieder – die Sterne!

Das soll mal das Ende unseres Ausfluges auf die dunkle Seite des Wanderns sein.

Ich wünsche Euch für 2019 allzeit gute Sterne! Mögen Sie auf all Euren Wegen hell und klar über Euch leuchten.

bolee klais

Alle Richtungen, Klais, Oktober 2018, Foto: A. Koenig

Ach ja, die Geschichte um unseren begeistert wandernden Müllergeselle am Anfang diese Textes geht auch nicht gut aus: Die begehrte schöne Müllerin entscheidet sich dann doch lieber für den solideren und potenteren Jäger und lässt unseren romantischen Wanderer  abblitzen worauf dieser sich in einem Bach ertränkt…

Wir lernen, immer nur wandern, das ist es auch nicht 😉

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