„Ich kenne ja meine Gedanken – meistens!“

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Taumelland hört zu:

Literatur und Geschichte

„Ich habe Literatur und Geschichte studiert, und das ist nicht so das, was die Alltagsberufe ausmacht, sondern es ist eher so ein bisschen sich davon entfernen, wie es eigentlich sonst so ist, zumindest bei mir ist das so. Ich habe da idealistisch gedacht, dass halt mich nicht einfach so Literatur interessiert hatte und auch wie mir später erst klar wurde Kultur interessiert hatte, sondern Fragen wie und was ist dafür verantwortlich das man so denkt wie man denkt.
Wie auch bei Geschichte: was sind die Bedingungen, dass bestimmte Formationen von Gesellschaft so existieren, wie sie existieren? Das finde ich auch faszinierend, aber mein Hauptinteresse war die Literatur.
Literatur ist ja eigentlich immer so ein anderes „Leben leben“, du betrittst Bereiche, die dein eigenes Leben nicht hergibt oder zumindest teilweise nicht hergibt. Du verfolgst auf diese Weise eine Erfahrungswelt, die du nicht hast. Das Schöne daran ist, dass Du dich wegträumen kannst, oder in andere Erlebnisbereiche eintauchst. Geschichte ist für mich ähnlich, das sind andere Zeiträume die auch etwas Entferntes haben, was nicht deine eigene Welt ist.
Das war erst mal so die Grundmotivation hinter meinem Studium.

Das war nie so ausgegoren, dass ich hätte sagen können genau diesen Job [Lehrer] wollte ich nachher machen, was vielleicht klüger gewesen wäre, früher darüber nachzudenken. Irgendwann habe ich einfach angefangen verschiedene Sachen auszuprobieren und habe dann gemerkt, dass das Studium mich viel stärker interessiert, als ich anfangs gedacht hätte. Anfangs war es so ein Gammel-Studium:  „so du machst jetzt was Vernünftiges,  du studierst!“, aber stehst nicht 100% dahinter. Mich hat es dann ziemlich schnell gepackt, und gerade Literatur und Sprache haben mich fasziniert.

Während des Studiums habe ich über Praktika und Nebenjobs  verschiedene Sachen ausprobiert und wo ich dann am längsten hängen geblieben bin war Journalismus. Ich hätte das anfangs nicht von mir gedacht, aber ich hatte sehr viel Freude am Schreiben, einfach einen Text zu komponieren, selbst wenn das nur so ein popliger kleiner Text war.
Das Einzige, was mich immer gestört hat, war, dass es dann doch sehr wenig mit dem zu tun hat, was ich studiert habe. Mit Literatur also eigentlich fast Null, mit Geschichte? Manchmal so Regionalgeschichte, das kann zwar sehr interessant sein, weil du die großen geschichtlichen Bewegungen lokal siehst, aber das kommt nur mal am Rand vor….aber gut, die äußeren Bedingungen für Journalismus sind halt schwierig, und spätestens wenn man die Insolvenz der Frankfurter Rundschau miterlebt hat und dass da nur ein Bruchteil der Leute übernommen wurde…“

Mythen und Abenteuer

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„Die Literaturgattung, die mich vielleicht als aller erstes fasziniert hat, waren Mythen und Märchen.
Ich bin gar nicht von zu Hause aus so stark mit Büchern aufgewachsen, erstaunlicherweise eher mit Filmen, weil meine Eltern, vor allem mein Vater, eher vor dem Fernseher saßen.
Was dann aber schon früh kam und das ebenfalls durch meinen Vater, war das Lesen von den Mythensammlungen der Griechen, der Römer… und sowas. Darin war immer eine Sehnsucht nach dem Abenteuer enthalten.
Ich glaube, dass die meisten Menschen mit Sehnsüchten geboren werden und sie dann entwickeln und entfalten. Ich glaube nicht, dass alle Sehnsüchte durch die Gesellschaft vorgegeben werden.
Vieles wird dir einfach mit in die Wiege gelegt, also anders kann ich mir jedenfalls viele Sachen nicht erklären, allein schon meine Liebe zum Wald:
Ich bin zwar am Wald aufgewachsen, aber ich kenne auch andere Leute, die am Wald aufgewachsen sind und die nicht so einen Bezug dazu haben. Ich denke, das ist mir mitgegeben worden.
Ich glaube, viel was z.B. Abenteuer meint, dann darin besteht, was dir auf deinem Weg begegnet, das du versuchst deinen Leidenschaften zu folgen, vielleicht auch gegen widrige Umstände, und die Abenteuer bestehen dann darin, wie du deine Ansprüche und Sehnsüchte und dein tatsächliches Leben in Übereinstimmung bringst, oder sie sich bringen lassen.
Zumindest wie du dich darum bemühst, was da auf dem Weg dorthin die Wegmarker sind, was du zu bewältigen hast, was du erlebst und natürlich auch welchen Menschen du dabei begegnest  – das kann schon ein Abenteuer sein.
Manchmal vergisst man das so im Toben des Alltags, das man zur sehr eingefasst in seine Routinen das Ziel aus den Augen verliert, was eben das Abenteuermäßige ausmacht.
Es klingt jetzt vielleicht banal oder dekadent, aber ein Abenteuer kann auch sein, wenn Du eine Nacht mit irgendwelchen Leuten, irgendetwas trinken gehst und dann landest du auf irgendeiner Party und sitzt morgens um fünf auf einem Dach und hörst jemandem den du nicht kennst beim Gitarre Spielen zu. Das Sich-treiben-lassen kann auch Abenteuer sein.
In Mythen und Märchen kommen ja ebenfalls oft so Figuren vor, die ebenso aus dem gewohnten Alltag rausgehen – es gibt ja auch eine Forschung zur „Heldenreise“. Sagt Dir das irgendwas?
Also Joseph Cambell und so das waren halt so Ethnologen die verglichen haben, wie die Mythen und Märchen der Welt aufgebaut sind und egal aus welcher Zeit und welcher Kultur sie stammen, so haben die Helden dieser Geschichten immer ähnliche Stationen zu bewältigen.
Als erstes ist immer dieser „call to Adventure“,  dann die Weigerung, die Angst die vertraute Umwelt zu verlassen und sich in das Abenteuer zu begeben. Wo man dann sowohl Freunden und Vertrauten begegnet, die einem dann mit Rat und Tat oder auch mit magischen Gegenständen ausrüsten, als auch dass die Helden auf Herausforderungen treffen. So ist das für mich mit dem Wald auch, wenn du irgendwo durch den Wald streifst, du begegnest natürlich keinen Kobolden, du erlangst auch kein Schwert, aber du folgst diesem Motiv, dieser Tätigkeit des Umherschweifens. Wenn Du zum Beispiel eine Ruine entdeckst, dann hast du etwas Neues entdeckt etwas was du vorher nicht kanntest oder sowas.
Das Verlorengehen im Wald ist genauso, als wenn du in einer Nacht ein paar Apfelwein trinkst, du gehst zu Orten die du nicht kennst, du lässt dich treiben…

Waldeinsamkeit genau diesen Begriff aus der Romantik liebe ich. Es gibt da bestimmte Texte aus der Romantik, mit denen ich mich sehr verbunden fühle. Also genau diese Personen, die da so auf Wanderschaft gehen und die rausziehen aus der Bürgerlichkeit um dann so ein bisschen das Phantastische zu ergründen. Das ist für mich der Wald. In diesem Sinne das Irrationale, das „Nicht-Logos“ mäßige weil er eben nicht die Struktur der Gesellschaft hat, nicht dieses durchgetaktete.
Er ist unergründlicher, verschlungener, geheimnisvoller. Ich habe auch so eine gewisse Mythensehnsucht in mir, eine Sehnsucht nach einer Gegenwelt.“

Waldeinsamkeit

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„Wald passt da also sehr gut für mich in diese Richtung, weil er für mich ein Ort ist, an dem man ein bisschen weltabgewandt sein kann, das ist schon so mein Thema. Ich könnte jetzt nicht ohne die Welt, also ich brauche die Menschen um mich, ich brauche meine Freunde, ich könnte nie ein totaler Einsiedler sein, aber ich gehe halt auch nicht 100% darin auf.
Das könnte ich auch nicht. Ab einem bestimmten Punkt muss ich halt immer mal wieder von den Menschen weg und auch der Durchtaktung der Welt entfliehen. Der Wald ist für mich ein großer Gegenpol, das fängt schon mit so einfachen Dingen wie dem Zeitempfinden an. Wenn Du in der Stadt bist oder auch zu Hause, wirst du ständig daran erinnert, wie die Zeit vergeht. In der Stadt hast du die Öffnungszeiten der Läden, du hast Menschen, die in Büros gehen und diese wieder verlassen, also überall irgendwelche Rhythmen die dich permanent daran erinnern, wie die Zeit vergeht. Im Wald hast du natürlich auch den Tag und Nacht Wechsel und morgens zwitschern die Vögel anders als abends, aber irgendwie ist diese Durchtaktung da doch wie aufgehoben.
Interessant dabei ist, dass  ich sehr viel im Wald mit mir selbst rede. Es ist tatsächlich so, dass ich im Wald mit mir Selbstgespräche führe. Ich glaube, was andere Leute teilweise mit dem Therapeuten bereden, oder warum sie einen Therapeuten aufsuchen, ist der Grund warum ich in den Wald gehe. Es ist vielleicht bekloppt, aber das ist meine Form der Therapie.
Also wenn du so eine Woche hast, bei der sehr viele Ereignisse auf dich einströmten, keine Ahnung so beruflich, studienmäßig und auch privat so tausend Dinge halt, die du für dich sortieren musst und über die du nachdenken musst, wie reagiere ich darauf? Oder was bedeutet das jetzt für mich?
Phänomenal ist, dass dann teilweise so eine Stunde ausreichen kann, die ich durch den Wald laufe und mit mir selbst darüber spreche und um  wieviel geklärter ich dann da rausgehe.
Für mich ist danach alles wieder viel entspannter, ich bin beruhigter und dann auch geplanter.
Ich habe das sehr früh schon für mich entdeckt, also in der Schulzeit, ich habe den Sportunterricht unheimlich gehasst, da der Lehrer eine deutliche Vorliebe für junge Mädels hatte und die Jungs hat er teilweise sehr runtergeputzt.
Das hat mich in dem Alter noch sehr mitgenommen, und in diesen Zeiten habe ich gemerkt, dass wenn ich so für mich alleine durch den Wald strolche, dass ich da in dieser Flucht vor der Welt einen Ausgleich finde.
Ich bin dann über eine Studie gestolpert, ich hätte jetzt gesagt im Internet, aber damals gab es noch gar nicht so viele Sachen im Internet, dass man das hätte nachlesen können, in der stand also wenn man sehr viele Selbstgespräche führen würde, das der Beginn von ernstzunehmenden psychischen Krankheiten sein kann. Ich habe das dann eine Weile lang mit einer gewissen Besorgnis bei mir beobachtet, wie sich das so weiter entwickelt. Allerdings habe ich für mich selber festgestellt, dass ich seelisch keinen Schaden genommen habe und es bleibt auch auf einem konstanten Level.
Es gibt eine Korrelation wie viel man mit sich selbst spricht:  um so mehr in der Welt geschieht umso stärker ist bei mir auch das Bedürfnis danach.
In den letzten Wochen war das Bedürfnis danach unheimlich stark gewesen. Weil ich bei der Zeitung recht viel gemacht habe, im Literaturhaus habe ich viel gemacht, an der Uni war viel zu tun gewesen und dann auch noch die Pendelei nach Frankfurt. Das war unglaublich anstrengend für mich gewesen, und ich habe in diesen drei, vier Wochen wie gelitten.
Du gehst dann nur einen Tag in den Wald, und sofort schlägt es wieder um.
Was gesunde Ernährung und Sport für den Körper, ist das für die Seele, und das macht total stark was aus.

Es ist wie verloren gehen und in diesem Verlorengehen ist eigentlich das sich Finden drin.
Das man auch weiß, was man sucht, das kann im Privaten sein, wenn man bei einer Beziehung merkt, dass einfach tausend Dinge fehlen, es kann auch vom Job her oder vom Studium her sein.
Das Verlorengehen ist von der Perspektive der Welt aus, dass Du halt mal rausfällst. Du hast einfach ein bestimmtes Verhalten in bestimmten Kontexten, du entsprichst Erwartungshaltungen. Auf der Arbeit funktionierst du auf eine bestimmte Art und Weise, bei Freunden übernimmst du bestimmte Aufgaben usw.. Da mal herauszufallen das ist das Verlorengehen.
Und wenn ich darüber nachdenke wenn ich zum Beispiel früher Schule geschwänzt habe, was ich ja sehr viel gemacht habe, vor allem in Zeiten wo ich dann auch nicht mit mir und der Welt klar kam, wo du halt einfach mit Leuten in der Klasse warst, die vollkommen anders waren als du und wo du dich als Außenseiter gefühlt hast. Wenn Du dann Schule geschwänzt hast, dann war das ein Befreiungsschlag und es war so ein kleines geheimes Verbrechen, was man begeht, bei dem man sich großartig vorkam: „Ja heute jetzt nicht! – „Heute entspreche ich nicht dem Ganzen!“

Und der Wald hat das auch für mich, das du aus der Perspektive der Gesellschaft verloren gehst irgendwie… aber ich komme dann auch gerne wieder zurück.“

taumelland bedankt sich bei: Wanderfalke

Weg_zurueck

 

 

 

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