Ausstellungsbesuch: Fotografien werden Bilder – Die Becher-Klasse

Ausstellung: Fotografien werden Bilder - die Becher-Klasse#1

Ausstellung:

Fotografien werden Bilder, Die Becher-Klasse
Frankfurt Städel  27.04. – 13.08.2017

Ausstellung: Fotografien werden Bilder, Die Becher-Klasse, Städel Museum, Frankfurt/Main, Mai 2017

Vorweg

Taumelland war in Frankfurt/Main auf Ausstellungsbesuch:
„Fotografien werden Bilder – Die Becher-Klasse“.

Alle im Folgenden erwähnten Bilder könnt Ihr in der Ausstellung betrachten oder im zugehörigen Katalog nachschlagen. Sie hier abzubilden war mir vor allem aus rechtlicher Unsicherheit heraus nicht möglich und ist kein böser Wille von mir.
Wer jetzt die Bechers und Ihre Schüler überhaupt nicht kennt, dem empfehle ich den sehr guten Katalog zur Ausstellung (er beinhaltet auch sehr lässig geschriebene, erhellende Texte) oder aber das allwissende Internet. Für das Verständnis meines Textes ist das nicht ganz so wichtig, aber wenn man sich eine eigene Meinung dazu bilden will  – unerlässlich.
Wobei Bilder im „Original“, die in einer Ausstellung an einer Wand hängen, zu sehen mir zumindest mehr gibt, als Ihre Reproduktionen in einem Katalog zu betrachten.

Ich bin eher skeptisch ins Städel gefahren um mir also Fotokunst anzusehen, die Todd Hido sehr treffend als „cold, crisp and conceptual German photography“ zusammenfasst.
Ich wurde – um es gleich vorwegzunehmen – sehr angenehm überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich damit so viel würde anfangen können.
Mir kam sehr zugute, dass ich an einem Mittwochmorgen die Ausstellung aufsuchen konnte und dadurch das Besucheraufkommen sehr gering war. Zeitweise war ich minutenlang vollkommen alleine in den Ausstellungsräumen unterwegs – davon kann man am Wochenende nur träumen.

Ich habe für die Ausstellung circa 2 Stunden (also nicht allzu lange) gebraucht – inklusive ein wenig zwischen den Stockwerken hin und her laufen und ein wenig Schabernack treiben.

Wege durch die Ausstellung

Pfad Eins: Wandel

Die Gliederung der Ausstellung gleicht der eines Ahnenbaumes. Im ersten Raum Arbeiten der Bechers selbst und daran inhaltlich angelehnte frühe Arbeiten Ihrer Schüler. Mit jedem Raum, den man betritt, entdeckt man weitere formale und inhaltliche Verästelungen, bis dann im zweiten Teil der Ausstellung ( 2.Stock)  Arbeiten zu sehen sind, die mit denen der Bechers nur noch die konzeptionelle Herangehensweise gemeinsam haben.

Dieses Gliederungskonzept der Ausstellung  –  was im ersten Moment nicht gerade originell wirkt – entpuppt sich als sehr gelungener Hinweis darauf, wie dramatisch sich die Gesellschaft und damit auch Ihre Kunstproduktion über die letzten 40 Jahre verändert haben ( Die ausgestellten Aufnahmen entstanden im Zeitraum von circa 1960 – circa 2000 ).

Die Globalisierung zum Beispiel:
Waren die Sujets der Bechers noch Fachwerkhäuser im Siegerland und Industrieanlagen im Ruhrgebiet und  die Erreichbarkeit der Objekte mit dem Auto ein wichtiges Kriterium, so reisen Ihre Schüler vollkommen selbstverständlich mit dem Flugzeug um die Welt. Ihre Aufnahmen entstehen nun in Brasilien, in Ägypten, Namibia, China, etc..
Das ist auch deshalb bemerkenswert, da die Bechers um zu Ihren Fotoaufnahmen zu kommen sich noch konkret räumlich verorten  mussten.
Die Aufnahme-Objekte aufspüren, sie aufsuchen, einen geeigneten Standpunkt für Ihre Belichtungen finden, das richtige Wetter abpassen (bedeckter Himmel) etc. , all das verlangt eine über das reine „Bildermachen“  hinausgehende Beschäftigung mit der Lokalität.

Das gilt für Ihre Schüler nicht mehr unbedingt.

Für sein Bild Haus Nr. 4 II (Ricola Laufen) 1991 hat Thomas Ruff Fotografen damit beauftragt, das Lagerhaus für Ihn  zu fotografieren und dann – die Bilder als Ausgangsmaterial nehmend – ein Bild des Gebäudes komponiert oder sogar komponieren lassen?  – Auf was er da tut, komme ich später noch einmal zurück.

Festhalten möchte ich an dieser Stelle nur: er war vielleicht? nie vor Ort, nimmt Fotografien also Repräsentationen anstelle des Objektes selbst –  als Ausgangsmaterial und generiert das Bild mit dem Rechner. Wetter, Motiv-Standort, Tag –Nacht etc. darum kümmert er sich gar nicht mehr.

Außerdem ist er bei der Bildgenerierung flexibel – er braucht nur irgendeinen Ort, an dem die dazu benötigte Soft- und Hardware verfügbar sind. Die Bildproduktion ist also in einem viel stärken Maße als bei den Bechers arbeitsteilig und flexibilisiert.  Der Fotoapparat selbst ist zur Bildproduktion nur noch Option und nicht mehr zwingende Voraussetzung wie bei Bildern von Jörg Sasse – die auf von Ihm gesammelten Amateur-Fotografien beruhen (7515/1995, 4251/1994).

An diesen unterschiedlichen Herangehensweisen an die Bildgenerierung wird auch der Einzug postmoderner Philosophie in die Fotokunst deutlich.
Das lässt sich am leichtesten mit vier  Zitaten belegen.

Hilla Becher:
„Ich war überzeugt von der ganz klaren und technisch perfekten Wiedergabe der Objekte. Zurückzugehen zu dem, was Fotografie kann, das war unser Anliegen. Die Abbildung eines stehenden Objektes so präzise, dass das Auge es nicht übertreffen kann. Man nagelt das Objekt geradezu fest“

Hilla Becher im Interview mit Christiane Hoffmans (Du machst das schon Hilla)
https://www.welt.de/wams_print/article4014973/Du-machst-das-schon-Hilla.html

Thomas Ruff:

“My Images are not images of reality but show a kind of second reality, the image of the image“

und

“my predecessors….believed to have captured reality [whereas] I believe to have created a picture”

Andreas Gursky:

“I subjugate the real situation to my artistic conception of the picture”

Alle drei Zitate aus: Higgins, Jack. „Why it does not have to be in focus“, Reprint 2014, London, Thames and Hudson 2013

 

Zwischen den Bildern von Gursky und Ruff und der auf Evidenz abziehlenden Fotografie der Bechers liegen buchstäblich  Welten und eben auch Weltanschauungen, und das zeigt die Ausstellung wirklich hervorragend.

Pfad  Zwei: Das Rezept oder „Anonyme Skulpturen – from Rookie to Guru“

Die Bechers bezeichneten Ihre Arbeiten auch als „Anonyme Skulpturen“  und erhielten 1990 folgerichtig auf der Biennale in Venedig auch den Golden Löwen in der Sparte Skulptur.

Das interessante an dem Konzept der Bechers ist, dass man es so gut selbst nachvollziehen kann.
Es gibt einen klaren Anspruch, nämlich „fotografische Evidenz“ und eine klare Ansage mit welchen formalen, kompositorischen Mitteln das zu erreichten ist. Wie zum Beispiel:
Reihung, Mittigerer Bildhorizont, Tiefenschärfe, neutraler Bildhintergrund, keine Ornamentik (Wolken Schatten und Ähnliches), keine Menschen usw.

Das ist ein vollkommen transparentes Konzept, und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Es funktioniert eigentlich wie ein Koch-Rezept, und das Gute ist, man muss damit nicht einmal „Kunst“ machen wollen.

Also wenn ich zum Beispiel jetzt denken würde meine „Tischblumen“ Fotografie auf taumelland bedürfte dringend mal neuen konzeptuellen Input, dann könnte ich das mit dem Rezept der Bechers versuchen: deren formale Kriterien – wie eine Zutatenliste – abhaken  und würde mit  Übung und Geduld irgendwann auch „Anonyme Skulpturen“ in den Händen halten können.

Man kann das in der Ausstellung gut an den Bildern von Tata Ronkholz nachverfolgen, die in der Manier der Bechers Trinkhallen/Imbissbuden (ein Highlight der Ausstellung) aber auch Industrietore fotografiert hat. Interessant finde ich, dass die erzielte Bildwirkung beider Serien von Tata Ronkholz  sehr verschieden ist, gerade auch weil sie beide demselben Konzept „fotografischer Evidenz“ folgen.
Ich finde das Rezept einer völligen Zurücknahme des Fotografen durch eine Ästhetik einer „neutralen Automaten Aufnahme“ funktioniert auch verallgemeinert sehr gut und ist eben auch sehr leicht nachvollziehbar.

Die Bechers sind Künstler, aber eben auch Fotografen und Ihre  Ästhetik folgt dem „Fotoapparat“.

Auch das gilt für Ihre Schüler nicht mehr (Ich mache das wieder an Ruff und Gursky ) fest.

Sie verhalten sich von außen betrachtet mehr wie barocke Maler und deren Malwerkstätten.
Als Ausgangsmaterial verwenden sie „Bildmaterial“, das  – woher auch immer –  gekommen ist, dieses wird dann von irgendwem mit irgendeinem Programm digital bearbeitet, und am Ende steht da dann der Name des Künstlers drunter (ein wenig pointiert beschrieben :-)).  Die Bildgenerierung  lässt sich am Bildergebnis selbst in keiner Weise nachvollziehen und wenn nicht ein Begleittext darauf hinweist, habe ich auch keine Chance darüber etwas zu erfahren.
Um in der Rezeptmetapher zu bleiben: es handelt sich um ein altes Familienrezept, das ein gut gehütetes Geheimnis ist und nur innerhalb der Familie weitergegeben werden darf.
Das ist eine vollkommen intransparente Herangehensweise, und die erzeugten Bilder bewirken eher eine „Wiederverzauberung der Welt“ als dass sie ein  „Fenster zur Realität“ darstellen.

Pfad Drei: Lieblingsbild

Mein Lieblingsbild der Ausstellung ist Louvre II von T. Struth

In einem Raum des Louvre sitzen in einer Ecke, wie um ein Lagerfeuer gruppiert, Kinder um ihrer Lehrerin? zu zuhören. An den sehr hohen Wänden des Ausstellungraumes hängen großformatige alte Gemälde, die schwer und bedeutungsschwanger die Gruppe – sinnbildlich fast zu erschlagen drohen. Der Raum ist in eine ruhige schwermütige Atmosphäre getaucht.
Das Foto ist bis in den hintersten Winkel scharf – bis auf ein kleines Detail:

Die Hände der Lehrerin. Sie hält sie vor Ihrem Gesicht hoch, vielleicht damit alle Kinder sie sehen können und erklärt etwas. Durch diese schnelle Bewegung sind die Hände bewegungsunscharf auf dem Foto wiedergegeben.
Diese Hände formen einen Zauber, und sie beschwören eine Welt voller Leidenschaft, Liebe und Geschichten.
In dieser kleinen unscharfen Geste liegt die ganze poetische Kraft des Erzählens.
Das hat mich sehr ergriffen, und das ist dann für mich auch keine cold, crisp and conceptual German photography mehr.

Pfad Vier: Hyperraum Umgehungsstraße

Ok, also wer das bis hierher gelesen hat und immer noch nicht die Ausstellung besuchen will, oder vielleicht ja auch gerade deswegen :-), für den oder die habe ich auch etwas.
Wenn Ihr unten auf dem Link klickt, dann bekommt ihr die ganze „Bäckerei“ inklusive Ausstellung und  „Pictures Generation“ in nur einem einzigen Bild zusammengefasst – versprochen!

Hier Klicken!

 

Hinterher

Wie schon besprochen generell eine sehr gelungene Ausstellung die hält, was sie verspricht zu tun, nämlich ihren Besuchern den Unterschied zwischen „Fotografien“ und  „ Bildern“ begreiflich und nachvollziehbar zu machen – zumindest bei mir hat das gut funktioniert.

Was ich mir aber generell  und unabhängig von dieser Ausstellung mal wünschen würde, wäre eine differenziertere Auseinandersetzung der künstlerischen Praxis einer digitalen Bildgenerierung in der Kunstfotografie, die über den üblichen Hinweis „digital bearbeitet“ hinausweist.
Außerdem werden in den Begleittexten und generell in der Kunstgeschichte immer wieder der Vergleich und/oder das Verhältnis von Malerei und Fotografie thematisiert.
Das ist schön und gut, aber auffällig ist, dass selten bis nie die Beziehungen zwischen Film (noch eher mal) /Fernsehen (mir nicht bekannt) und der Kunstfotografie angegangen wird.  Dabei ist das Fernsehen spätestens seit den Olympischen Spielen von 1972 das visuelle Leitmedium überhaupt, und wenn man sich anschaut, wie sehr es den Bildjournalismus umgewälzt hat, dann ist es absolut unplausibel, dass es da keine gegenseitigen Verbindungen/Beeinflussungen gibt.

Das wäre mal ein interessantes Thema für eine Ausstellung.

So, ich habe noch eine Bitte: wenn einer von Euch die Ausstellung auch besucht hat und eigene Pfade beschritten hat oder jemand Ergänzungen/Korrekturen zu meinen Pfaden hat, dann würde ich mich freuen, wenn er/sie das vielleicht in einem Kommentar mitteilt.
Meci dafür!

FOTOGRAFIEN
WERDEN BILDER
27.4.–13.8.2017
Die Becher-Klasse
Städel Museum Frankfurt
https://www.staedelmuseum.de/de/fotografien-werden-bilder

Nachtrag

Ich war zwischenzeitlich in München gewesen, und dort gibt es zurzeit eine Werkschau von Thomas Struth, der ja auch ein Becherschüler ist, im Haus der Kunst zu sehen. Ich habe die Ausstellung spontan besucht, auch weil ich die Frankfurter Becherklasse Ausstellung ja noch frisch im Gedächtnis hatte.
Es wäre für mich auf taumelland sehr spannend gewesen, diese beiden Ausstellungen zu einander in Beziehung zu setzten. Aber leider herrscht dort ein Fotografie-Verbot. Ich konnte das kaum glauben und habe auf Nachfragen erfahren, dass Thomas Struth es nicht wünscht, dass auf seiner Ausstellung fotografiert wird. Das bleibt mir gerade bei seiner Person, also einem Fotografen der selbst mit  seinen  Museumsfotos bekannt/berühmt geworden ist  (siehe oben), vollkommen unerklärlich.
Der große Thomas Struth fürchtet sich vor mir und meinem Fotoapparat, so wie der Elefant die Maus fürchtet?  – das ist ein Witz! Ich finde diese Haltung im Jahre 2017 nicht mehr nachvollziehbar. Aber egal, das muss der Künstler in ihm sein – es gibt halt für Niemanden ein richtiges Leben im Falschen, aber vielleicht habe ich das ja alles auch nur missverstanden?

Trotzdem sehr sehenswert,  Struth’s  großformatige Bilder bekommen in den riesigen Sälen des Museums sehr viel Luft zum Atmen, was Ihnen sehr gut tut, und die Größe der Ausstellungsräume macht es dem Besucher auch möglich immer genügend Raum zwischen sich und die Bilder zu bringen – was ihm auch sehr gut tut.

Das wäre auch das Thema für Taumelland geworden: Bilder, Formate, Hängungen so zwischen Intimität und Überwältigung, das Städel verglichen mit dem Haus der Kunst ..…., naja das muss dann halt auf eine andere Gelegenheit warten.

Thomas Struth: Figure Ground
AUSSTELLUNG 05.05 – 17.09.17
Haus der Kunst München
http://www.hausderkunst.de/ausstellungen/detail/thomas-struth/

Comments (1)

  1. […] Aber manchmal knüpft das Leben lose Enden zu Netzen zusammen. In gewisser Weise ist dieser Beitrag auch ein Teaser für eine der nächsten  „Geschichten“ auf taummelland. Mein Freund Oli ist mit mir durch Kostheim und Kastel geradelt und hat mir seine „Heimat“ gezeigt und beschrieben. Außerdem war ich ja in München über ein Museum für Streetart gestolpert (siehe Beitrag MUCA). Ich hatte also zwei Anknüpfungspunkte  an „Mainz-Kastel“. Aber entscheidend war dann dass, wie ihr vielleicht gelesen habt, ich auch auf der „Becherklassen“ Ausstellung im Staedl Museum in Frankfurt/Main war (Beitrag Ausstellungsbesuch). […]

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